All diese Bilder im Kopf

All diese Bilder im Kopf

Was spielt sich hinter der Kamera ab?

Es gibt Momente auf Reisen, in denen es unpassend ist eine Kamera heraus zu holen oder man hat vielleicht auch gar keine dabei. Dennoch kommt es mir manchmal vor, als würde ich gerade solche Momente intensiver erleben und ich habe das Gefühl, mich im nach hinein besser an sie erinnern zu können. Wenn man so will, habe ich “all diese Bilder im Kopf”.

Werden unsere Reisen dadurch vielleicht sogar intensiver? Und wenn nicht unsere kompletten Reisen, dann vielleicht zumindest unsere Wahrnehmungen in einzelnen Situationen schärfer oder die Erinnerung klarer? Oder liegt es daran, das es sich meist um Momente handelt, die so oder so intensiv sind?

“Konserviert und archiviert, ich hab’s gespeichert
Paraphiert und nummeriert, damit ich’s leicht hab
Wenn die Erinnerung auch langsam verschwindet
Weiß ich immerhin genau, wo man sie findet

In einem schwarzen Fotoalbum mit ‘nem silbernen Knopf
Bewahr ich alle diese Bilder im Kopf”

Als mir die Idee zu diesem Beitrag gekommen ist, hatte ich sofort die Zeilen von Sidos Lieb “Bilder im Kopf” im Ohr. Auch wenn der Gute sich sicherlich etwas anderes dabei gedacht hat, finde ich ihn doch recht passend zu meinen Gedanken.

All diese Bilder im Kopf…

Wenn ich mich zurück erinnere, habe ich einige Reisen ganz besonders klar vor Augen. Dazu gehört meine erste ins südliche Afrika. Ich hatte noch nicht diesen wunderbaren Blog begonnen und bin auch nicht mit dem Gedanken gereist, schöne Fotos für meine Leser zu machen. Vielmehr hatte ich mir dieses Mal auf die Fahne geschrieben, einfach den Moment zu genießen. Das muss sicherlich auch gut geklappt haben, da die Erinnerungen an diese Reise besonders klar sind. Aber liegt es auch möglicherweise daran, dass das erste Mal im südlichen Afrika einen eh umhaut? Oder an den vielen Menschen, die ich kennen gelernt habe, mit denen ich gemeinsam die Erinnerung wach halte?

Eine mögliche Erklärung wäre für mich auch, dass man in Momenten, die man nicht auf Kamera festhalten kann oder will, besonders wach ist. Da kein anderes Medium zur Verfügung steht, als der eigene Geist, arbeitet dieser auch einfach mehr. 

All diese Bilder im Kopf

Tatsächlich entscheide ich mich meistens auch bewusst etwas zu fotografieren. Ich interessiere mich für eine besondere Landschaft, finde ein altes Auto interessant oder habe die Kamera im Anschlag, weil es auf Safari geht. Ich erwarte also Motive. Wenn dann aber etwas unvorhergesehenes passiert, habe ich möglicherweise auch nicht immer die Kamera dabei und durch das Unvorhergesehene brennt sich der Moment mehr in meine Erinnerung.

Interessant ist hierzu auch eine Forschung aus dem Jahr 2013 von Psycholog_Innen. Diese fanden heraus, das Menschen, die in Museen fotografieren, sich am Ende an weniger erinnern können, als solche, die nicht fotografierten. Die Forschenden gehen davon aus, das zum Einen die vielen Möglichkeiten der Kamera uns überfordern und zum Anderen auch die schiere Flut an Fotos, die man machen kann. Es bleibt also gar kein Raum, um sich an bestimmte Situationen wieder zu erinnern.

Diese Theorie finde ich sehr einleuchtend. Man reist also gar nicht weniger intensiv, wenn man auf Reisen viele Fotos macht, sondern im nach hinein muss man sich einfach nicht mehr so sehr anstrengend, um von seinen Reisen zu berichten. Schließlich hat man alles auf Foto. Wenn aber dann ein Moment fehlt, fällt es ja gar nicht auf. Ich kenne das auch von mir selber. Ich habe das bewusste Analoge-Fotografieren auch auf meinen “Digitalen Alltag” übertragen und fotografiere so einfach weniger. Ich sehe nicht ein, warum ich 100 Fotos von ein und der selben Sache machen soll.

Aber hier die gute Nachricht! Ich weiß nicht ob du das kannst, aber ich habe es sehr häufig, wenn ich von meinen Reisen zurück bin, dass ich durch die Straßen laufen und mich plötzlich an einen ganz bestimmten Ort oder Moment zurück versetzt fühle. Ein bestimmter Geruch, ein Gefühl oder ein Wortfetzen kann also ganz viel in mir auslösen.

Und ich möchte ganz sicher nicht das fotografieren missen. Es ist für mich eine Art der Kommunikation und somit auch der Interaktion mit meiner Umwelt. Ich möchte auch für dich, also meine lieben Leser, tolle Bilder mit bringen, die Motivieren sollen, sich selbst auf Reisen zu begeben. Außerdem liebe ich es, mich mit meiner Kamera zu beschäftigen. Gleichermaßen möchte ich mich aber auch etwas zurück nehmen. Fotografie soll nicht stressen. Ich will nicht mehr 3 Kameras auf einmal dabei haben, nur weil die eine Filmen kann, die zweite tolle Bilder macht und die dritte einfach gut aussieht. Kein Wunder das man dabei den Moment gar nicht genießen kann.

Ich möchte mehr den Moment genießen, im Hier und Jetzt leben und zu mir selber einfach sagen können “Ich hab all diese Bilder im Kopf”. Und tolle Geschichten, die kann man auch ohne passendes Bild erzählen. Schließlich haben wir alle eine grandiose Fantasie, um uns Geschehnisse auszumalen. Wie das Ganze aussieht, kannst du hier… nachlesen.

All diese Bilder im Kopf

Was hältst du davon? Hast du vielleicht schon mal deine Kamera verloren/vergessen und konntest deshalb nicht fotografieren? Hat sich das auf deine Erinnerungen ausgewirkt? Oder sagst du das ist völliger Humbug, was das Lieschen da verzapft? Ich bin an deiner Meinung interessiert.

Eine interessante Ergänzung habe ich am 17.08.2016 dazu gefunden: http://derstandard.at/2000042609318-629/Wann-man-im-Urlaub-fotografieren-sollte anscheinend kann das Fotografieren positive Emotionen verstärken. Also doch eine klasse Sache!

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4 Kommentare

  1. Hallo, interessanter Artikel!
    Ich (Jahrgang 1955) stamme auch noch aus den analogen Zeiten. Mein Vater schenkte mir meinen ersten Farbfilm mit den Worten: “Überleg Dir genau, was Du jetzt fotografierst und ob sich ein Farbfoto lohnt.”
    Aber ich fotografiere auch heute noch, weil ich ein schlechtes Gedächtnis habe. Und natürlich schreibe ich ein Reisetagebuch. Mit der digitalen Fotografie mache ich jetzt mehr Fotos und vielleicht knipse ich auch mehr drauflos.
    Auf meiner 18monatigen Reise durch Asien habe 1991/92 insgesamt rund 3500 Fotos gemacht und fand das viel. Heute wünsche ich mir, ich hätte noch mehr Fotos gemacht.
    An vieles von meinen frühen Reisen würde ich mich nicht mehr erinnern, wenn ich die Fotos nicht hätte.
    LG
    Ulrike

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    • lieschenradieschen

      Liebe Ulrike,
      Danke für deinen Kommentar. Ich finde Fotos auch eine gute Gedächtnisstütze. Sie helfen sicherlich langfristig gesehen, sich besser zu erinnern.
      Liebe Grüße,
      Lynn

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  2. Sehr interessant. Ich habe noch nie so richtig darüber nachgedacht, da ich alles was mir gefällt, sehr gerne auf Fotos festhalte. Ich finde, Erinnerungen verblassen so leicht und so schnell, dass mir wahrscheinlich nach einiger Zeit so vieles fehlt, ohne dass ich es überhaupt merke.
    Viele Grüße
    Maria

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    • lieschenradieschen

      Ja, das ist leider wirklich so mit den Erinnerungen. Meinetwegen könnten sie auch gerne etwas länger und kräftiger bleiben…

      Liebe Grüße,
      Lynn

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