Kategorie: Gedanken

Gedanken rund um´s Reisen

Die Sache mit den Ländergrenzen

Blick aus dem Fenster einer Fähre in Lissabon

Go at least once a year to a place you have never been before“, während ich die Sachen für meine nächste Reise packe, geistert mir dieser Spruch im Kopf herum. Es wird meine erste Reise nach Belgien. Klasse denke ich, ein Land, welches ich noch nicht bereist habe. Schön und gut, aber ist es nicht total verblendet, einfach nach Ländergrenzen zu gehen?

Gedanken zu Ländergrenzen

Wenn ich den oben genannten Spruch lese oder höre, geht es bei mir immer um fremde Länder. Bisher bin ich nie auf den Gedanken gekommen, auch „places“ in meiner näheren Umgebung hinzu zu zählen. Aber woran liegt das? An unserem Hunger, Länder abzuhaken? Oder ganz simpel daran, dass erst Ländergrenzen für uns markieren, wenn ein anderer Kulturkreis beginnt? Aber ist das nicht völlig verblendet? Alleine in Niedersachsen sind die Ostfriesen doch irgendwie anders, als die Hannoveraner oder die Menschen, die weiter im Süden leben. Obwohl Deutschland recht klein ist, ist es unbestreitbar, dass sich Nord und Süd voneinander unterscheiden (denkt man nur mal an Bayern).

Ein anderes Beispiel: Ländergrenzen sind ständigem Wandel unterlegen. Noch in den 80igern zum Beispiel, wäre Ost-Deutschland einer dieser neuen, unbekannten „places“. Heute hätte der Reisende mit einem Besuch in Deutschland quasi Ost- und West-Deutschland abgehakt. Noch willkürlicher wird es, wenn wir einen Blick auf meinen Lieblingskontinent Afrika werfen. Vor allem in Nordafrika wirken die Ländergrenzen, wie mit dem Lineal gezeichnet. Und das ist gar nicht mal weither geholt! Hinter den Grenzen stehen vor allem wirtschaftliche Interessen. Ein besonderer Wendepunkt in der Geschichte ist dabei der Berliner Kongress in den Jahren 1884 und 1885. Hier legten Europäer die afrikanischen Grenzen fest. Dabei verzichteten sie komplett darauf, nach verschiedenen Gesellschaften innerhalb Afrikas zu gehen, sondern konzentrierten sich vollkommen auf eigene Interessen.

Funktioniert es dann überhaupt noch, „Länder zu sammeln“ (also zumindest im Reisepass)? Generell halte ich wenig davon, alle Länder der Welt bereisen zu wollen. Diese Diskussion wurde an andere Stelle schon genüge geführt. Trotzdem ein paar Worte dazu. Was bringt es mir, durch die Länder durch zu hetzten, nur um sagen zu können, ich war dort? Wenn ich reise, möchte ich die Kultur erleben. Ich möchte sehen wie die Menschen leben, was sie denken, essen, fühlen, wie sie reden. Diese Liste könnte ich endlos fortsetzen. Und wenn ich nach diesen kleinen Feinheiten schaue, werde ich schnell feststellen, dass sie unabhängig sind von Ländergrenzen und Co. Denn so lange sich Menschen austauschen, werden solche Grenzen verschwimmen.

Ein ethnologischer Ansatz

Eine ethnologische Theorie ist der Diffusionismus. Zwar ist dieser kritisch zu betrachten, denn er geht davon aus das einen „Ur-Ort“ und eine „Urform“ von Kultur gibt und diese sich ausbreitet. Des weiteren gibt es nach dieser Theorie verschiedene Entwicklungsstufen, die Kulturen annehmen können. Abgesehen davon, ist die Grundannahme allerdings, dass jede Gesellschaft durch Mobilität gekennzeichnet ist. Und durch diese Mobilität breiten sich Ideen und Güter aus, und das komplett über Ländergrenzen hinweg. Ich bin der Meinung, dass genau das geschieht. Ist dies nicht einfach auch eine Form von Globalisierung?

Menschen warten auf die Fähre in Lissabon

Ich denke Ländergrenzen sind notwendig, wenn es um die Verwaltung etc. geht. Menschen müssen die Welt unterteilen, um sie zu verstehen. Allerdings habe ich mir vorgenommen, in meinem Denken flexibler zu werden. Ich möchte keine Länder abhaken. Ich möchte tief in die Gesellschaften eintauchen und sie erleben. Und ich möchte nicht komisch angeschaut werden, wenn ich zum wiederholten Male in ein Land eintauche. Ja, ich war bereits zwei Mal in Namibia. Aber nein, ich kenne längst noch nicht alles. Und es wäre vermessen zu behaupten, ich würde alles kennen. Einen sehr passenden Spruch findet man dazu auf der Seite von Gondwana Collection. (Gondwana Collection betreibt in Namibia Erlebnislodges und folgt einem ganzheitlichen Ansatz):

“Namibia. Wie oft muss man in diesem einzigartigen Land gewesen sein, um es zu kennen? Wie lange dauert es, eins mit der Kultur zu werden, seine Seele zu verstehen, seine Naturwunder zu begreifen?”

Das muss man natürlich nicht nur auf Namibia beziehen. Egal worum es geht, es reicht nicht einmal durch ein Land zu fahren, um zu begreifen. Das soll keineswegs heißen, dass man zig Mal irgendwo hinfahren muss. Aber man sollte es im Hinterkopf behalten, wenn man selber mal wieder zu eingefahren ist. Ich möchte in Zukunft flexibler werden. Ich möchte mich nicht mit anderen messen, die bereits 40+ Länder bereist haben und ich “nur” 20. Denn das ist es nicht, was zählt. Was zählt ist das ich ein Gefühl bekomme, für die Gegend in der ich bin. Und das muss nicht auf Ländergrenzen limitiert sein. Das kann auch bedeuten, dass ich feststelle, natürlich sind Gesellschaften vielschichtig. Es gibt keine homogene Gruppe aus Marokkanern, Namibier oder Deutschen. Wir unterscheiden uns inner- und außerhalb der Ländergrenzen. Und das ist auch gut so, denn sonst könnte man das Reisen ja auch gleich bleiben lassen, oder? Und deshalb werde ich auch wieder den Spruch “Go at least once a year to a place you have never been before”, im Kopf haben, wenn ich für meine Reise im Mai 2017 nach Emden packe. Denn das habe ich von meinem kleinen Gedankenspiel mitgenommen: es gibt so viele unbekannte Plätze, die noch auf mich warten und es ist völlig egal, ob die in Nordfriesland oder in Nordafrika liegen. In diesem Sinne, welchen Ort bereist du als nächstes, der dir völlig unbekannt ist?

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