Die gestohlene Unschuld – Rezension

Titelbild zum Buch "Die gestohlene Unschuld" von Germaine Tillion

Die gestohlene Unschuld – Ein Leben zwischen Résistance und Ethnologie

“Es ist mir wichtig zu betonen, dass die “wissenschaftlichen” Ereignisse – die nur auf der Beobachtung der Anderen beruhen – falsch und künstlich sind: Um eine Gruppe wirklich zu kennen, muss man mit ihr “leben” und sie aus der Nähe “anschauen”. Deshalb müssen diejenigen die leben, das Hinschauen lernen, und diejenigen, die nur schauen, müssen lernen zu leben – der eine so, der andere so.”

Darum geht´s in “Die gestohlene Unschuld”

In allererster Linie geht es um die starke Persönlichkeit der Französin Germaine Tillion. Sie ist wohl das, was man ein Kind ihrer Zeit nennen kann. In einem liberalen Elternhaus aufgewachsen, hat sie die Chance, sich einem Studium ihrer Wahl zu widmen. Ihr Interesse fällt auf das noch recht junge Fach der Ethnologie, in dem untere anderem Marcel Mauss ihr Lehrer wird. Aber sie ist auch noch so viel mehr als eine Ethnologien. Während ihrer Aufenthalte in Algerien, wird sie eine aufmerksame Beobachterin und schafft es ein wunderbares Bild dieser Zeit zu zeichnen, ohne zu bewerten.

Nachdem sie nach Frankreich zurück kehrt, beginnen die Schrecken des zweiten Weltkrieges. Ohne zu zögern schließt sie sich der Résistance an und wird schlussendlich nach Ravensbrück deportiert. Sie überlebt diese schreckliche Zeit und widmet sich nun, wie auch zuvor ihren ethnologischen Studien, der Aufarbeitung mit voller Inbrunst. Aber es soll nicht lange dauern, bis ein weiterer Wendepunkt in der Geschichte ihr Leben erschüttert, der Algerienkrieg in den fünfziger Jahren. Als Kennerin des Landes wird sie zu rate gezogen und erkennt, wie schlecht es der dortigen Bevölkerung geht. Ein weiteres Mal setzt sie sich für die Rechte der Unterdrückten ein und verleit ihnen eine Stimme.

Gefällt weil: 

im Studium der Ethnologie viel zu wenig Frauen vorkommen. Sicherlich habe ich in meinen Einführungsveranstaltungen von Margaret Mead oder Ruth Benedict gehört, im Verhältnis zu den Männern ist das aber immer noch mehr als mau. Um so mehr habe ich mich gefreut, als ich das Buch “Die gestohlene Unschuld” entdeckt habe. Und Germaine Tillion ist wahrlich eine Frau, die man sich als Vorbild nehmen kann.

Die meisten ihrer Publikationen sind, wenn überhaupt (im zweiten Weltkrieg sind viele ihrer Skripte verschollen), auf französisch erschienen. Mit “Die gestohlene Unschuld” ist die erste Übersetzung von ihr auf dem deutschsprachigen Markt erschienen. Deshalb handelt es sich bei dem Buch aus dem AvivA-Verlag auch nicht um eine klassische Biografie oder Geschichte im weitesten Sinne, sondern um eine Zusammenfassung mehrerer ihrer Texte. Diese sind, genau wie ihr Leben, in drei prägnante Abschnitte eingeteilt: Die Aufenthalte in Algerien, der zweite Weltkrieg und der Algerienkrieg.

Was mich besonders an der Person Tillion fasziniert, ist ihre interessante Sichtweise auf die Welt und auf die Ethnologie. Schon früh wendet sie sich davon ab, klassische wissenschaftliche Berichte zu schreiben. Viel mehr möchte sie ihre Gefühle und Erfahrungen ebenfalls mit einbringen. Spätestens nach ihren Erlebnissen im zweiten Weltkrieg wird ihr klar, dass es unmöglich ist, rein sachlich zu schreiben – denn das Erfahrene hat sie zu der Persönlichkeit gemacht, die sie ist. Trotz alldem Schrecken, den sie erlebt hat, gelingt es ihr trotzdem humorvoll zu schreiben und nie ihre besondere Sicht auf die Menschen zu verlieren. 

Nicht vorenthalten möchte ich dir ihre vier Gebote, die nicht nur Ethnolog_innen, sondern auch Reisenden zu gute kommen könnten:

Erstes Gebot: Wenn das Wasser gelb ist, macht man Tee; ist es schwarz, macht man Kaffee.

Zweites Gebot: Die nützlichen Gegenstände verhindern es, die notwendigen zu finden.

Drittes Gebot: Sage heute nicht, was du auch morgen noch sagen kannst.

Viertes Gebot: Wählt euch vornehme Menschen und behandelt sie vornehm.

Die gestohlene Unschuld

Germaine Tillion
Hg. Mechthild Gilzmer

Die gestohlene Unschuld
Ein Leben zwischen Résistance und Ethnologie
336 Seiten | Gebunden
ISBN:  978-3-932338-68-7
22€ (D) über AvivA Verlag

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