Warum es in Tafelsig keine Chicken Feeds gibt: Kapstadts Communities

Aussicht vom Rhodes Memorial über Kapstadts Communities

Ein kleiner Einblick in Kapstadts Communities

Babelas, ein Wort welches nicht treffender für den Gefühlszustand sein könnte, den er beschreibt. Der Hangover – oder Kater wie wir es im Deutschen nennen – trifft die Südafrikaner regelmäßig. Es wird viel und gerne am Wochenende gefeiert und nicht selten kommt man am Montag mit einem leichten Babelas ins Büro. Meine schwarzen Kolleginnen sind sich am Montagmorgen also einig, gegen den Kater helfen nur Chicken Feeds. Aber wo soll man die herbekommen? Denn in Tafelsig, wo es heute hingehen soll, gibt es keine Hähnchenfüße.  

Warum es in Tafelsig keine Chicken Feeds gibt – ein kurzer Abriss der südafrikanischen Bevölkerung

Die Trennung nach Zugehörigkeiten der Hautfarbe ist in Südafrika allgegenwärtig. Dies ist natürlich dem Kolonialen-Erbe und der Apartheid geschuldet, aber auch heute noch wird in Schwarz, Weiß oder Coloureds unterschieden – dies ist die Ära der Postapartheid. Und das geschieht zum Teil gar nicht böswillig. Nicht selten machen Schwarze Witze über Weiße und umgekehrt und es wird keinem krumm genommen. Humor gehörte schon immer zu den stärksten Waffen der Südafrikaner. Und mit Humor werden auch heute noch Missstände weg gelacht. 

Und trotzdem sind die Zahlen erschreckend. Die Arbeitslosenquote ist enorm, HIV/AIDS sind nach wie vor ein großes Problem bei weiten Teilen der Bevölkerung und von der Gewalt in den Cape Flats rund um Kapstadt, will ich erst gar nicht anfangen. Südafrika ist ein Land, welches bei mir ungemein ambivalente Gefühle auslöst. Auf der einen Seite ist dort die atemberaubende Natur, die freundlichen Menschen, gutes Essen und wilde Tiere und auf der anderen Seite denke ich hungernde Menschen, Perspektivlosigkeit und entfesselten Gang Crime.

Übersicht über die verschiedenen Zugehörigkeiten zu Kapstadts Communities

Im Zuge der Apartheid wurden die Menschen anhand ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Gemeinschaften zugeordnet. So entstanden die sogenannten Homelands in den ländlicheren Gebieten und die Townships, rund um die größeren Städte. Ein ganz bekanntes Beispiel ist dabei der District Six. Hier lebten schon immer Menschen der unterschiedlichsten Herkunft, sehr frei und friedlich miteinander. In den späten 1960er wurde die Bevölkerung dann gewaltsam vertrieben und umgesiedelt, um Wohnraum für die Weiße Bevölkerung zu schaffen. Noch heute ist es sehr bewegend und vor allem auch berührend, mit Zeitzeugen darüber zu sprechen.

Gebäude im ehemaligen District Six, eine von Kapstadts Communities

Tafelsig, Blikkiesdorp und Samora Machel

Im Zuge eines Praktikums durfte ich im August und September zwei Sozialarbeiterinnen bei ihrer Arbeit in Kapstadts Communities begleiten. Dabei habe ich einen kleinen Einblick davon bekommen, wie die Realität vieler Capetonians abseits von V&A Waterfront und Neighbourgoods Market aussieht. Ich muss zugeben, gleich mein erster Arbeitstag hat mich sehr erschreckt. Zusammen mit V. ging es nach Blikkiesdorp, zu deutsch Blechdorf. Falls du dir einen kleinen Eindruck verschaffen willst, wie die Menschen dort leben, kann ich dir dieses Video sehr ans Herz legen:

Blikkiesdorp

Kurz bevor wir nach Blikkiesdorp abbiegen, sehe ich das erste mal Schilder, die vor einem Smash and Grab Area warnen – also Gebieten, wo bei roter Ampel häufig auch mal ins vollbesetzte Auto eingebrochen wird. Auch werde ich darauf eingestimmt, dass wir vor 13 Uhr wieder fahren müssen, denn dann wird es schlichtweg zu gefährlich. Der Grund dafür ist recht simpel: Gegen Mittag werden langsam die wach, die bis spät in die Nacht aufgeblieben sind. Genauso kommen die jungen Kriminellen gerade von der Schule und/oder beginnen sich zu langweilen. 

Auch das erste Counselling – also die Sprechstunde der Sozialarbeiterin – lässt mich schlucken. Es sind Geschichten, die ich mir in meinem schlimmsten Albträumen nicht ausmalen will. Es wird die Stimme gesengt, weil die Angst vor den Gangs zu groß ist, es geht um Vergewaltigung, Mord, Raub, Drogen und schlichtweg die Verzweiflung der Existenzlosigkeit. Es scheint ein enormer Teufelskreis zu sein, aus dem die Frauen keinen Ausweg sehen. 

Und trotz alldem wird Blikkiesdorp zu meiner ‘Lieblingscommunity’, wenn man es so nennen will. Es sind die Frauen, die ich dort kennen lerne und die mir ihr Herz öffnen. Ich finde es mittlerweile sehr abgedroschen wenn ich lese, dass Touristen eine Townshiptour machen und sagen: “Obwohl die Menschen so wenig haben, lachen sie doch ganz viel. Davon sollten wir uns eine Scheibe abschneiden.” Das ist aber nur eine Realität, denn es gibt viele düstere Momente, die Besuchern verborgen bleiben. Und doch stimmt dieser so häufig benutzte Satz auch. 

An meinem letzten Tag in Blikkiesdorp sind nochmal alle zusammen gekommen. Wir haben gelacht und geweint, wir haben geredet und zusammen gegessen. Obwohl diese Frauen sehr arm sind, haben sie für mich gekocht und zum Abschied sogar zwei Bilder gemalt. Für mich war dieser Tag sicherlich einer der emotionalsten auf meiner ganzen Reise und die Frauen von Blikkiesdorp werden immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben.

Aber hier sind wir noch falsch, wenn wir uns auf die Suche nach den Chicken Feeds machen. Denn Blikkiesdorp ist – wie es der Name schon erahnen lässt – eine vor allem Coloured geprägte Community. Hinzukommt allerdings auch, dass es hier einfach wenig zu kaufen gibt. Aus anderen Townships bin ich den Anblick von Straßenständen gewohnt, die gegrilltes Fleisch, Obst und Gemüse anbieten. In Blikkiesdorp gibt es einen kleinen Tuck-Shop (Kiosk) und einen Gemüsehändler.

Strassenzug in der Innenstadt von Kapstadt, weit weg von Kapstadts Communities

Tafelsig

Und auch in Tafelsig ist uns das Glück nicht holt. Hier wird zwar regelmäßig für die Kinder des Community Centres gekocht, aber Chicken Feeds gibt es hier auch nicht. Dafür ebenfalls eine Realität von der ich dachte, sowas kann es nicht in echt geben. Über mehrere Wochen lang können wir nicht nach Tafelsig, weil sich die rivalisierenden Gangs einen andauernden Krieg leisten.

Das Perfide an diesen Kämpfen: Es wird sogar gewartet, bis die Kinder aus der Schule zurück kommen, damit keines ins Kreuzfeuer kommt. Schließlich lassen sich die Anführer auf Gespräche mit den Community Leadern ein und es wird nur noch nachts geschossen. Organisiertes Verbrechen in seiner reinsten Form! Es bekommt dann ebenfalls einen ganz bitteren Beigeschmack, wenn man in diesen Communities Kinder mit Plastikspielzeug spielen sieht, ich mag mir kaum vorstellen, was sie so zu verarbeiten versuchen. 

Samora Machel

Endlich ist es soweit! Dieses Mal bin ich mit F. unterwegs und unser heutiger Tag führt uns nach Samora Machel. Hier kochen die älteren Menschen der Community immer Mittwochs (zufällig der Tag, wo wir auch immer hin fahren) und heute entdeckt F. eine ganz besondere Delikatesse in den Kochtöpfen – Chicken Feeds!

Ich bekomme auch zwei auf den Teller gelegt und mache mich nicht ganz so begeistert darüber her, wie sie. Na gut denke ich mir allerdings, wann bekomme ich wieder die Chance? Es ist nicht ganz leicht, überhaupt etwas Fleisch von den Füßen zu bekommen, aber sie schmecken erstaunlich gut. Allerdings bin ich nicht ganz sicher, ob dies nun mein bevorzugtes Essen bei einem Kater wird. Und ganz davon ab, bekomme ich die ohne Vorbestellung beim Metzger?

Aber warum gibt es nun in Samora Machel Chicken Feeds? Samora Machel ist eher eine durch die Gemeinschaft der Xhosa geprägte, Communitie. Hier werden traditionell eher Chicken Feeds zubereitet, als bei anderen Teilen der Bevölkerung. Abgesehen vom Essen fällt hier auch auf, dass viel mehr Xhosa gesprochen wird. Die älteren Menschen sprechen zum Beispiel wenig bzw. ungern Englisch, sondern ihre eigene Sprache. Dies hat nicht nur den Grund, dass sie Englisch nicht in der Schule gelernt haben, sondern auch das Englisch die Sprache ihrer Unterdrücker war.

Bank für Nicht-Weiße aus der Apartheid, die es Mitgliedern von Kapstadts Communities verbot, hier zu sitzen

Die Postapartheid

Das Erbe der Apartheid ist also noch an vielen Stellen zu spüren. Bei meiner Arbeit bin ich manchmal innerlich fast verzweifelt. Es ist so schwer einen Ausweg aus der jetzigen Situation Südafrikas zu finden. Ich weiß ganz genau, dass ich nur einen kurzen Ausschnitt gesehen habe und mir nur schwer ein Urteil erlauben darf. Und ich weiß auch, dass Südafrika in jeglicher Hinsicht sehr vielschichtig ist. Aber es hat mich einfach sehr erschrocken zu sehen, unter welchen Bedingungen Menschen Leben müssen und das kann man so leider nicht nur in Afrika beobachten.

Es bekommt aber nochmal eine ganz andere Dimension, wenn aus einer unbekannten Masse, plötzlich Bekannte werden. Wenn man sich fragt, warum ich das große Los gezogen habe und in so einer privilegierten Welt aufwachse? Wie nur all die Potentiale vergeudet werden können? Warum jemand keine Ausbildung machen kann, nur weil er nicht den passenden Schulabschluss hat? Warum Kinder bedroht werden, nur weil sie alleine auf der Straße spielen? Warum Menschen so gewaltsam sterben müssen, nur wegen 20 Rand?

Es sind Fragen die ich nicht beantworten kann, die mich aber seit meiner Rückkehr ständig beschäftigen. Uns geht es einfach verdammt gut und das sollten wir jeden Tag würdigen!

Ein Abschlusswort zu Kapstadt

Bevor ich zu meiner Reise aufgebrochen bin, hätte ich sofort unterschrieben das Kapstadt sicher ist. Ich hätte zu denen gehört, die Kapstadt mit München, London oder New York verglichen hätte. Heute kann ich das nicht mehr. Heute macht es mich sogar fast wütend, solche Kommentare zu lesen. Ich habe manchmal das Gefühl am Abgrund der Menschheit gestanden zu haben und das Gehörte und Gesehene an Kriminalität und Armut ist nur schwer zu überbieten. Ich wage zu bezweifeln, das München, London oder New York da nur ansatzweise mithalten können. Aber dies ist kein Wettbewerb darum, welche Stadt die gefährlichste ist, denn jeder Mensch der durch ein Gewaltverbrechen ums Leben kommt, ist einer zu viel. 

Whites-Only und Non-Whites-Only in Kapstadts Communities

Dennoch geht es mir ums Prinzip. Kapstadt ist gefährlich und wenn man versucht, dies zu relativieren, verleugnet man die Lebensrealitäten vieler Menschen, darunter auch die der Frauen von Blikkiesdorp. Umgekehrt kann man die Gefährlichkeit in Kapstadt in der Hinsicht relativieren, dass es enorm auf den Stadtteil ankommt. Sea Point, Camps Bay oder Rondebosch sind sicherlich vergleichbar mit Staddteilen in Berlin oder Hamburg. Auch in “meinem” Stadtteil Observatory und dem angrenzenden Woodstock habe ich mich wohl gefühlt. Wenn man einige Sicherheitsregeln berücksichtigt, kann man sich gut auch alleine als Frau in der Mother City bewegen. 

Und trotzdem liebes Kapstadt, so gerne ich dich habe, ob ich dich noch bedingungslos lieben kann, weiß ich jetzt nicht mehr. Zu verwirrt lässt mich einfach der Kontrast zurück, den ich in diesen zwei Monaten erlebt habe. Es fühlt sich komisch an, am Freitagnachmittag durch den Matsch zwischen den Hütten in Gugulethu zu laufen und dann Samstagvormittag 30 Rand in einen Kaffee zu investieren, den man anschließend auf Instagram postet, weil die Old Biscuit Mill so schön hipsterig aussieht. Und trotzdem würde ich dir bedingungslos einen Besuch der Stadt am südlichsten Ende von Afrika empfehlen. Und vielleicht denkst du ja bei diesem Besuch auch an die andere Seite der Kapstadts. 

Mehr Infos gefällig? Dann findest du hier die Website von CWD.  Südafrika ist ein wunderschönes Land, trotz all seinen Problemen. Davon kannst du dich hier auf meiner Seite zu Südafrika überzeugen.

Ein paar Worte zu den Bildern: Ich selber habe in Kapstadts Communities nicht fotografiert. Die meiste Zeit habe ich mein Handy im Office gelassen, da ich so wenig Wertgegenstände wie möglich, mit mir führen wollte. Die Bilder in diesem Beitrag sind bei einer Free Walking Tour zum Thema Apartheid, in Kapstadts Innenstadt entstanden. Noch heute sieht man die Spuren dieser Zeit: wie zum Beispiel die Bänke, die es nur bestimmten Gruppen erlaubte, auf ihnen zu sitzen oder den ehemaligen District Six.

Leere Straßen in District Six, eine von Kapstadts Communities, die heute aber so nicht mehr existiert.

6 Kommentare

  1. Ein ganz wunderbarer Artikel von Dir! Ich könnte mich während meines Afrikawiss. Studiums nicht durchringen, nach Südafrila zu fahren, damals war die Apartheid erst wenige Jahre her. Vor drei Jahren war es dann soweit.
    Ich habe mich nur zu wenigen Artikeln durchringen können, denn es ist genau wie du sagst: sehr vielschichtig und schon gar nicht in einem kurzen Urlaub, wie ich ihn gemacht habe, zu erfassen. Die Hipstermeilen sowie die seltsam weiße Gardenroute fand ich befremdlich. Also: Südafrika ist spannend und eine Reise wert. Aber Tanzania hat mir zB mehr gegeben.
    Danke für diesen tollen Artikel!
    LG Inka

    • lieschenradieschen

      Liebe Inka, vielen lieben Dank dir für dein Feedback. Immer wieder erstaunt musste ich mir in Erinnerung rufen, wie kurz eigentlich erst die Apartheid zurück liegt. 1994 – in meinem Geburtsjahr – waren die ersten freien Wahlen, verrückt oder? Ich mochte auch nicht nur über das schöne schreiben, das wäre mir einfach falsch vorgekommen.
      Viele liebe Grüße,
      Lynn

  2. Hey Lynn,
    richtig guter und vor allem auch wichtiger Artikel! Ich höre und lese auch immer wieder, dass Kapstadt oder auch allgemein Südafrika total sicher sei. Wenn man reist und nur kurz bei den Highlights stoppt, bekommt man natürlich einen solchen Eindruck. Doch spätetestens wenn man für längere Zeit dort ist und mit Locals in Kontakt tritt, sollte man erkennen, was das Land für massive Probleme hat. Ich habe häufig das Gefühl, dass darüber jedoch großzügig hinweg gesehen wird.
    Ich hatte in den drei Monaten, in denen ich dort war, eine spannende und großartige Zeit und habe Kapstadt ziemlich gefeiert – wobei das mit einem deutschen Reisepass und einer Perspektive in Europa auch einfach zu sagen ist. Auch bei mir im Viertel (ich hab auch in Obs gewohnt 😉 ) sind in der Zeit einige unschöne Dinge passiert. Die Kriminalität war für mich ein bitterer Begeschmack, während sie für viele Locals der bittere Alltag ist.
    Liebe Grüße,
    Chrissy

    • lieschenradieschen

      Liebe Chrissy,

      Danke für dein Kommentar. Da kann ich dir nur zustimmen. Auch in Obs habe ich von einigen Überfällen – vor allem auf die Kioske gehört – als ich dort war. Es bleibt eben immer der bittere Beigeschmack, vor allem wenn man länger dort lebt.
      Viele liebe Grüße,
      Lynn

  3. Hallo Lynn,

    ein sehr interessanter Artikel, vor allem, weil es für uns in ein paar Tagen wieder für 3 Monate nach Kapstadt. Und endlich mal ein Artikel, der nicht nur die wunderschönen Sonnenseiten Südafrikas beschreibt.

    Ich liebe unsere Aufenthalte in Südafrika gerade deshalb, weil es uns immer ein bisschen bescheidener und demütiger werden lässt. Zuhause brauche ich mir keine Gedanken machen, ob ich um 2 Uhr nachts zu Fuß nach Hause spaziere und auch in meinem Umfeld werde ich nie mit den Problemen konfrontiert, die viele Südafrikaner tagtäglich betreffen. Schon oft habe ich in Südafrika Tränen vergossen, wenn man wieder mal hautnah sieht, wie es einem der Großteil der Bevölkerung wirklich geht.
    Und trotzdem zieht mich das Land unglaublich in seinen Bann und ich habe soviel Positives erlebt und gesehen – von der großartigen Natur ganz zu schweigen.

    Alles Liebe

    Melanie

    • lieschenradieschen

      Liebe Melanie,
      Danke für deinen Kommentar. Wie schön das ihr bald wieder 3 Monate dort seid, da werde ich ja fast etwas neidisch 😅
      Mir geht es genauso wie dir. Trotz allem zieht mich das Land unglaublich in seinen Bann.

      Viele liebe Grüße,
      Lynn

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