Mali oder das Ringen um Würde – Rezension

Buchcover von Mali oder das Ringen um Würde mit Afrikakarte im Hintergrund

Mali oder das Ringen um Würde – Meine Reisen in einem verwundeten Land

Gut gesagt:

“Bourama wirkte sanft, eher schüchtern, und schlug oft die Augen nieder. Erst als wir uns besser kannten, erzählte er mir, dass er schon das aventure, das Abenteuer der Migration hinter sich hatte: Er war drei Jahre Richtung Europa unterwegs gewesen, davon achtzehn Monate in einem libyschen Gefängnis. Er hatte Furchtbares erlebt, kam als Abgeschobener zurück. Man kann sich so leicht täuschen, weil wir die Narben nicht sehen, wir sehen nur Jugend und Lebensfreude in einem afrikanischen Gesicht.”

Ich glaube jeder von uns hat einen Sehnsuchtsort (bestimmt sogar mehrere). Meiner heißt Timbuktu. Als Kind habe ich das erste Mal bei uns im Zoo Hannover eine Wand gesehen, an die dieses magische Wort geschrieben stand: “Tombouctou 52 jours”, quer durch die Sahara. Damals wie heute bekomme ich funkelnde Augen. Timbuktu bedeutet für mich Freiheit, Exotik und Abenteuer. Zwar weiß ich mittlerweile auch, dass die Stadt nicht besonders aufregend ist, aber es steht für etwas. Genau wie Mali ein ganz besonderes Land ist. Abseits von Klischees und mit viel Hintergrundwissen bringt Charlotte Wiedemann uns Mali näher. Durch viele Reisen und dort verbrachte Monate hat sie ganz besondere Eindrücke sammeln dürfen. Episode für Episode bringt sie diesem in “Mali oder das Ringen um Würde” näher. Sie erzählt von all den Schwierigkeiten, die das Leben von den Bewohnern Malis fordert. Und sie erzählt davon, wie sie fast stoisch damit umgehen. Wie sie trotz Korruption und Armut immer ihre Würde behalten.

Gefällt weil:

Charlotte Wiedemann ordentlich mit Vorurteilen aufräumt. Dabei öffnet sie dem Leser die Augen und lässt ihn das eine oder andere Mal staunend zurück. So nennt sie den Islam zum Beispiel als eine “dynamische Kraft sozialer Veränderung”. Erst die Religion brach mit alten Standesunterschieden, denn der Glaube machte alle gleich. Den Islam so zu sehen, fällt sicherlich einigen Menschen heutzutage schwer. Auch war Mali früher eine hoch entwickelte Kultur. Heute verbinden wir Bilder aus dem Land eher mit Krieg und Kindern mit vor Hunger aufgeblähten Bäuchen. Stellvertretend nennen wir deshalb dieses Gebiet auch Sahel-Zone. Sofort weckt dieser Begriff Assoziationen, obwohl er nichts anderes bedeutet als Ufer. Denn der Sahel ist quasi das südliche Ufer der Sahara und somit das vorläufige Ende der Strapazen.

Ich möchte dich jetzt nicht mit zu vielen Details quälen, aber es hilft die eigene Denkweise in Frage zu stellen und “Mali oder das Ringen um Würde” unterstützt dabei sehr. Natürlich muss man schon ein gewisses Interesse an dem afrikanischen Kontinent oder Mali im speziellen haben. Das Buch liest sich aber trotzdem sehr flüssig. Die einzelnen Kapitel sind in sich abgeschlossen, sodass man es auch mal eine Weile bei Seite legen kann, wenn man das möchte.

Ich kann dieses Buch nur jedem ans Herz legen, der gerne über den eigen Tellerrand hinausschaut. Ich glaube viele Mechanismen, die so in Mali statt finden, findet man auch in einer ähnlichen Form in anderen afrikanischen Ländern. Nach der Lektüre habe ich viel nachgedacht und frage mich, ob das Staatensystem in solchen Gebieten überhaupt Sinn macht? Mali ist riesig und der größte Teil der Bevölkerung spricht noch nicht einmal die Amtssprache französisch. Gezogene Grenzen sind die Erfindung kolonialer Herscher und nicht die, der lokalen Bevölkerung. Denn so oder so, einen Versuch könnte es nicht schaden.

Mali oder das ringen um würde

Charlotte Wiedemann
Mali oder das Ringen um Würde
Meine Reisen in einem verwundeten Land
304 | Paperback, Klappenbroschur
ISBN-978-3-570-55257-5
14,99€ (D) Hier bestellen*
Pantheon – mehr Infos hier…


Disclaimer: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zum Rezensieren zur Verfügung gestellt. Dafür erstmal ein herzliches Dankeschön. Wie immer gilt aber, das geschriebene spiegelt meine eigene Meinung wieder. Sollte mir etwas nicht gefallen, sage ich das auch. Ansonsten suche ich mir selber aus, welches Buch ich rezensieren möchte. Das heißt du wirst auf Lieschenradieschen nur authentische Leseberichte finden, die meine eigenen Interessen wiederspiegeln.

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2 Kommentare

  1. Hallo Lynn,
    wenig überraschend ist die Rezession ziemlich gut ausgefallen- Charolotte Wiedemann ist einfach eine tolle Schriftstellerin mit einer unglaublich reflektierten Sichtweise auf sich und andere Kulturen! 🙂 “Vom Versuch nicht weiß zu schreiben” habe ich ja schon gelesen, “Mali und das Ringen nach Würde” klingt mindestens genauso spannend und steht jetzt auf jeden Fall auch auf meiner Bücherliste. 😉
    Liebe Grüße
    Chrissy

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    • lieschenradieschen

      Liebe Chrissy,

      ich halte Charlotte Wiedemann auch für eine sehr gute Schriftstellerin. Sie schafft es ohne den moralisch erhobenen Zeigefinger, meine Sichtweise auf die Dinge zu ändern. Ich wünscht das könnten mehr Menschen…

      Liebe Grüße,
      Lynn

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