Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk.

Gut gesagt:

“Den sechsten Sinn”, sagte Rosa, “den kann sich niemand verdienen. Es ist eine Gabe Gottes. Er alleine gibt und nimmt.”
Und wozu dann die vielen Engel und Heiligenfiguren auf dem Fensterbrett? Und die Gipsmadonna neben dem Ofenrohr? Mutter Rosa lächelt milde über die törichten Fragen.
“Ich bin nur eine alte Zigeunerin, aber glaube mir, Gott sieht zwar alles, aber er tut nicht viel. Ein Mann eben. Deshalb musst du zur Madonna beten. Sie alleine hilft.”

Was sind eigentlich Zigeuner? Ist es überhaupt politisch korrekt dieses Wort zu benutzen? Aber was genau sind dann Sinti und Roma und wo liegt der Unterschied? Und wenn wir schon beim Thema sind, sind wirklich alle Angehörigen dieser Minderheit in Europa arm?
Kaum ein Volk polarisiert die Menschen mehr. Ursprünglich kommt die Ethnie der Zigeuner wohl aus Indien und ist heutzutage überall in Europa vertreten. Aber da hört der einfache Teil auch schon auf. Zu Divers sind die unterschiedlichen Ausprägungen und zu groß die Konflikte um sie tatsächlich verstehen zu können. Mit dem Buch “Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk” gelingt es dem Autor Rolf Bauerdick dennoch ein umfassendes Bild der Zigeuner zu zeichnen.

Gefällt weil: obwohl ich von mir behaupte, relativ frei von jeglichen Vorurteilen zu sein, hatte ich dennoch ein gewisses Bild von Zigeunern. Und weil Rolf Bauerdick mit diesen Vorurteilen gehörig aufräumt bzw. sie ins richtige Licht rückt, gefällt mir dieses Buch gut.

Ich erinnere mich noch genau an die Familienurlaube mit meinen Eltern in Südfrankreich. Dort gab es etwas außerhalb unseres Ferienortes, einen Stellplatz für Zigeuner. Schon damals fand ich dieses Leben unglaublich faszinierend. Allerdings ist “Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk” kein klassischer Reisebericht. Viel mehr geht es um die Probleme, Konflikte und das alltägliche Leben dieser Menschen. Das Spektrum reicht dabei von unglaublich traurigen bis hin zu unglaublich schönen Geschichten.

Man merkt das Bauerdick eine sehr gute Kenntnis der Zigeuner hat und damit ganz nah am Leben ist. Während viele Forscher nicht hinter ihrem Schreibtisch weg kommen, hat er auf zahlreichen Besuchen in Europa, aber auch in Deutschland die Lebensweise der Menschen kennen gelernt.
Besonders interessant fand ich den Exkurs zum Thema, darf man Zigeuner sagen oder doch lieber Sinti und Roma? Bauerdick ist der Meinung, das die Bezeichnung Sinti und Roma lediglich dazu dient, unser schlechtes Gewissen zu beruhigen. Was Fakt ist, ist das Sinti und Roma häufig in einem Atemzug genannt werden, ohne zu berücksichtigen, dass diese schon rein geographisch gesehen weit auseinander liegen. Aber egal für welche Bezeichnung man sich entscheidet, das Thema wird vermutlich weiter polarisieren.

Und auch Bauerdick polarisiert mit seiner Meinung. Mir sind häufig die Berichte über das Leben der Menschen zu kurz gekommen. Viel mehr gab es viele Exkurse zu Theoretikern oder in die Geschichte und nicht selten, wurden renommierte Forscher verurteilt. Um die Vorwürfe richtig beurteilen zu können, fehlt mir allerdings das nötig wissen. Was ich aber weiß ist, das mich das Leben dieser Ethnie ungemein interessiert und ich kritisch angeregt wurde, über dieses Thema nachzudenken und das ist doch wiederum etwas Gutes, oder?

Zigeuner

Rolf Bauerdick
Zigeuner
Begegnungen mit einem ungeliebten Volk

352 Seiten | Taschenbuch
ISBN 978-3-570-55279-7
14,99€ (D) über Randomhouse

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