„Gib mir Alles“ von Alexandra-Maria Pipos: Ein Debütroman über zwei Welten und eine Frau, die nirgendwo ganz ankommt

Hand hält Buch mit Titel 'Gib mir alles' und Illustration einer betenden Frau mit geschlossenen Augen vor grauer Wand

Zwischen zwei Welten, die nicht zusammenpassen, dort befindet sich die Protagonistin Ioana. Alexandra-Maria Pipos‘ Debütroman „Gib mir Alles“ erzählt die Geschichte einer jungen Frau mit Migrationsgeschichte, die sich durch ein hartes Arbeitsleben kämpft und dabei nirgendwo ganz ankommt. Ein Buch, das von Anpassung, Einsamkeit und dem Kampf um die eigene Identität handelt und einen als Leser*in in seinen Bann zieht.

Ein Buch, das unter die Haut geht

Wahrscheinlich fragt er sich, warum ich hier bin. Denn die meisten von uns kommen im Sommer, nicht im Herbst. Sie kommen aus Deutschland, Spanien, Italien und dem Rest der Welt. Spindeldürr steigen sie aus ihren neuen Autos und können es kaum erwarten, das auszugeben, was sie im Laufe des Jahres zusammengekratzt haben. Sie laufen jeden Tag durch die Stadt und werden immer fetter, genährt von dem Essen, das sie so vermisst haben und den Blicken derjenigen, die geblieben sind. Aber irgendwann endet auch ihr Urlaub, und sie steigen wieder in ihre Autos, für die sie sich verschuldet haben, und fahren zurück. Um 5.00 Uhr klingelt dann ihr Wecker für die nächste Schicht im Mindestlohn.

– Gib mir alles, Seite 85

Darum geht’s in „Gib mir Alles“

Ioana, die Ich-Erzählerin in „Gib mir Alles“, bewegt sich in verschiedenen Kontexten – im Arbeitsleben, in ihrer Familie, in ihrer Herkunfts- und in der deutschen Gesellschaft. Doch egal, wo sie ist, sie bleibt immer ein bisschen fremd. Ob in ihrem Job als Consultant oder bei ihrer Familie in Rumänien. Als sie kurz vor der großen Beförderung steht, stirbt ihr Großvater und sie muss nach Rumänien, um die Beerdigung zu organisieren.

Ihrer rumänischen Familie begegnet sie mit einer gewissen Arroganz, die überspielen soll, dass sie mit vielen Situationen schlichtweg überfordert ist. „Wahrscheinlich können sie sich nicht einmal an ihre Träume erinnern. Wenn sie überhaupt jemals welche gehabt haben.“, denkt Ioana an einer Stelle. Zwar hat sie beruflich viel erreicht, zu welchem Preis sei aber dahin gestellt.

Ich konnte mich stellenweise gut mit ihr identifizieren – z.B. was das Pflichtgefühl dem Job gegenüber angeht – und im nächsten Moment wollte ich sie schütteln, weil sie so rücksichtslos mit sich selbst umgeht und andere vor den Kopf stößt. Ich mag Bücher, in denen Protagonist*innen nicht nur sympathisch sind und die man nicht einfach nur „gut“ finden kann. Genau so ist eben auch das Leben.

Besonders stark fand ich, wie „Gib mir Alles“ zeigt, wie hart Menschen mit Migrationsgeschichte sich anpassen müssen und was sie dafür in Kauf nehmen. Ioana erträgt etwa, dass ihre deutschen Kolleg*innen ihren Namen falsch aussprechen, und grenzt sich gleichzeitig bewusst von der einzigen Kollegin ab, die eine ähnliche Biografie hat. Zum einen, weil diese „nur“ in der Cafeteria arbeitet, und zum anderen weil Ioana um jeden Preis dazu gehören möchte. Diese Momente haben mich besonders berührt, weil sie so viel über Anpassung, Zugehörigkeit und die Einsamkeit dazwischen sagen.

Ich kann mir vorstellen, dass man den Debütroman je nach eigener Biografie sehr unterschiedlich lesen kann. Ich selbst habe keine direkte Migrationsgeschichte, kenne jedoch den Stress im Beruf. Vielleicht hat mich deshalb dieser Aspekt noch mehr angesprochen, als es andere tun würde. Gerne tausche ich mich dazu in den Kommentaren aus und bin ganz gespannt auf deine Leseerfahrung.

Der Schreibstil von Alexandra-Maria Pipos ist sehr gut, kurzweilig und in einem Rutsch lesbar. Ein interessantes Stilmittel sind die Stimmen der Heiligen, die sich durch das Buch ziehen, Manchmal war es mir damit allerdings zu viel und hat mich zu sehr aus der Geschichte genommen. Vielleicht liegt mein Problem damit aber auch daran, dass ich sie in Teilen einfach nicht verstanden habe, denn die Autorin hinterlässt generell viel Interpretationsspielraum. Wer gerne mitliest, decodiert und deutet, bekommt hier reichlich geboten.

Und noch etwas muss ich loswerden: Dieses Buch stresst. Der Inhalt, die Gedanken, die gesamte Atmosphäre, manchmal war ich vom Lesen selbst ganz schön angespannt. Das ist aber kein Kritikpunkt, denn genau das ist wohl die Intention der Autorin. Man liest „Gib mir Alles“ nicht entspannt am Strand, sondern lässt sich von ihm aufwühlen und fühlt sich vielleicht an der einen oder anderen Stelle auch selbst ertappt.

Fazit: „Gib mir Alles“ ist ein starkes Debüt über Identität, Zugehörigkeit und die Erschöpfung, zwischen zwei Welten zu stehen. Ein Buch mit vielschichtigen Figuren, poetischer Sprache und viel Raum für eigene Interpretationen, dessen Inhalt man nicht nur gut findet, der aber umso mehr nachwirkt.

Perfekt für: Leser*innen, die komplexe Figuren lieben, literarische Debüts schätzen und keine Angst vor Büchern haben, die fordern und zum Mitdenken auffordern.

Alexandra-Maria Pipos
Gib mir alles
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
272 Seiten | ISBN: 978-3462012811
23€ [D] über Amazon [Affiliate Link]
Erschienen am 03.09.2025 im KiWi Verlag


Disclaimer: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zum Stöbern und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Dafür erstmal ein herzliches Dankeschön. Wie immer gilt aber, das Geschriebene spiegelt meine eigene Meinung wieder. Sollte mir etwas nicht gefallen, sage ich das auch. Ansonsten suche ich mir selber aus, welches Buch ich rezensieren möchte. Das heißt du wirst auf Lieschenradieschen reist nur authentische Leseberichte finden, die meinen eigenen Interessen entsprechen.

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