Ein Haus in Vorpommern, nahe der polnischen Grenze: Hier hat die Wiener Ich-Erzählerin einst mit ihrer Patchworkfamilie das Idyll gesucht und steht nach dem Ende ihrer Ehe nun plötzlich allein da. In ihrem 2026 erschienenen Roman „Alleinruhelage“ erzählt Eva Menasse von Renovierungen und Rückschlägen, geplatzten Wasserleitungen, den Bosheiten der benachbarten Schrebergärtner*innen und von so manchem Fallstrick der deutsch-deutschen Geschichte, die die Erzählerin als Wienerin in der doppelten Fremde womöglich genauer wahrnimmt als andere. Am Ende beschließt sie, das geliebte Haus zu verkaufen, um noch einmal aus- und aufzubrechen aus ihrer „stabilen Alleinruhelage“.
Ein Buch, das man am liebsten in Sätzen zerlegen würde
Von den meisten selbsterlebten Geschichten behält man den Anfang und das Ende besonders gut im Gedächtnis – das gilt nicht nur für die Liebes-, sondern auch für Hausgeschichten. Man neigt wohl dazu, die Gegensätze anzuschärfen, die Amplitude zu vergrößern. Wettermäßig stimmte das, wir haben das Haus in einem gleißenden Juni bezogen und hastig die ersten Verschönerungen durchgeführt (…). Geräumt habe ich es hingegen an einem eiskalten, verregneten Märzwochenende (…).
– Alleinruhelage, S. 65
Darum geht’s in „Alleinruhelage“
Der Roman ist eine Zwischenbilanz eines Lebens, erzählt über den Umweg eines Hauses, das Zeuge von allem gewesen ist: von der großen Liebe, von Trennungen, von Kindern, die erwachsen werden, von einem See, der verschlammt ist wie so mancher Lebensentwurf. Die Erzählerin blickt zurück, auf 20 Jahre Wochenendhaus, auf eine Patchworkfamilie, die von den Datschenbewohner*innen argwöhnisch beäugt wird, und auf ein Leben mit einigen Kurven.
Mir hat die Erzählung recht gut gefallen, auch wenn sie sehr fragmentiert ist. In einer Lesung hat Eva Menasse erzählt, dass es für sie ein absoluter Spaßroman gewesen sei und sie einfach geschrieben hat, worauf sie Lust hat. Das finde ich fair und doch hätten einige Erzählstränge auch weiter auserzählt werden können. Insgesamt ist das Buch sehr gut zu lesen, und man merkt der Autorin ihre literarische Erfahrung in jedem Absatz an. Besonders die vielen wirklich schönen Sätze haben mich begeistert. Einige davon hätte ich mir am liebsten aufgeschrieben.
Auf der anderen Seite habe ich aber auch ein paar Punkte, die mir nicht ganz so gut gefallen haben. Da ist zum Beispiel die Szene, in der die Erzählerin ihre Tochter unter der kalten Dusche aus ihren Alpträumen weckt. Ich weiß natürlich nicht, wie viel Autobiographisches dahintersteckt, und ich kann verstehen, wenn Eltern sich nicht mehr zu helfen wissen. Trotzdem irgendwie krass. Außerdem fällt es mir zunehmend schwer zu lesen, wenn Akzente nachgemacht werden. Das geht immer mit einem gewissen Machtgefälle einher, denn wer wen nachmacht, hat auch die Deutungshoheit. Besonders bei der Lesung konnte ich da nicht mitlachen.
Auch die Datschist*innen kommen nicht besonders weg. Hier lese ich eine gewisse Arroganz der Autorin gegenüber den Nachbar*innen heraus und mir kam es vor, als würde die gefühlte Überlegenheit der Wessis gegenüber den Ossis reproduziert. Und dann habe ich mich noch gewundert, wie wenig es um Alla und Bolek geht, die beiden Kettenraucher*innen aus Polen, die der Erzählerin mit dem Garten und dem Haus geholfen haben. Die Inhaltszusammenfassung im Buch hatte sich für mich so gelesen, als würde es primär um die beiden gehen, dabei nehmen sie erstaunlich wenig Raum ein.
Auch ein Satz wie „Die Spuren der Wühlmäuse hingegen sind zart und unauffällig, vergleichbar den Intrigen der Frauen“ gehört aus meiner Sicht nicht in einem Roman aus dem Jahr 2026.
Fazit: Alles in allem ist „Alleinruhelage“ eine unterhaltsame Geschichte, die aber doch einen kleinen Beigeschmack hinterlässt. Vielleicht hat mich das Buch auch nicht ganz erreichen können, weil ich jünger als die Autorin bin und mich in einer ganz anderen Lebenssituation befinde. Sprachlich hat es auf jeden Fall eine große Freude gemacht und für alle, die Menasses präzise, witzige und zärtliche Sprache mögen, ist der Roman trotz allem ein Lesevergnügen.
Perfekt für: Leser*innen, die literarische Zwischenbilanzen und Reflexionen über Fremdheit, Heimat und das Abschiednehmen lieben und keine Scheu vor fragmentierten Erzählungen mit Ecken und Kanten haben.
Eva Menasse
Alleinruhelage
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
224 Seiten | ISBN: 978-3462002621
23€ [D] über Amazon [Affiliate Link]
Erschienen am 13.08.2025 im KiWi Verlag
Disclaimer: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zum Stöbern und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Dafür erstmal ein herzliches Dankeschön. Wie immer gilt aber, das Geschriebene spiegelt meine eigene Meinung wieder. Sollte mir etwas nicht gefallen, sage ich das auch. Ansonsten suche ich mir selber aus, welches Buch ich rezensieren möchte. Das heißt du wirst auf Lieschenradieschen reist nur authentische Leseberichte finden, die meinen eigenen Interessen entsprechen.
