Ich bin empört: über einen sensibleren Umgang mit Sprache

Warum wir mehr auf unsere Sprache achten sollen

Ich sitze morgens am Küchentisch und ärgere mich. Und zwar nicht über die Nachrichten oder Schlagzeilen in der Zeitung – obwohl auch die mehr als ärgerlich sind, aber da bin ich mittlerweile schon fast geübt drin, mich nicht zu ärgern – sondern über meinen neuen Reiseführer über Malawi. Gerade erst freue ich mich über eine Seite, welche aufklärt, wie groß und divers eigentlich Afrika ist, nur um dann bei der nächsten Seite über den Ausdruck „afrikanische Kultur“ zu stolpern. Was bitte soll das denn sein?

Wo gehts denn hier zur “afrikanischen Kultur”?

Und es geht noch weiter. Am laufenden Band lese ich von „den Afrikanern“ (hier könnte ich mich genauso ärgern, dass Frauen ausgeschlossen sind, aber auch in dieser Hinsicht ist frau ja leider schon einiges gewohnt), „afrikanisches Wetter“, „afrikanische Bräuche“ und so on. Warum mich das so empört? Weil es einfach zu viel über unsere Weltansicht und unser Unwissen verrät und aus diesem Grund rufe ich zu einem sensibleren Umgang mit unserer Sprache auf!

Es gibt so viele Debatten die geführt werden, ob und wie Sprache zu gebrauchen ist, um niemanden auszugrenzen und eine inklusive Welt zu schaffen. Ich weiß, dass dies keine einfache Diskussion ist, da privilegierte Menschen anfangen müssen zu reflektieren und damit auch ihre eigenen stereotypen herausfordern.

Kolonialismus im 21. Jahrhundert

Es ist nun mal ein sehr koloniales Denken, von Afrika im Allgemeinen zu sprechen. Afrika ist ein Kontinent mit einer unglaublichen Diversität, sowohl in Landschaftsbildern, als auch Menschen, Flora, Fauna, Technologien, Prägungen und so weiter. Und dieser Diversität sollte man gerecht werden, vor allem wenn man einen länderspezifischen Reiseführer schreibt. Und darüber hinaus geht es ja auch darum, dass man wieder mit dieser Verallgemeinerung Bilder entstehen lässt, die so einfach nicht stimmen. Ich kann nicht über das Wetter in Südafrika sprechen und es dann auf den afrikanischen Kontinent verallgemeinern. Genauso wenig ist es möglich zu sagen, “der und der, ist aber so und so”. So funktioniert die Welt einfach nicht.

All diese Bilder im Kopf – ein Gedankenexperiment

Aber natürlich ist dieser Reiseführer nur die Spitze des Eisbergs. Ich möchte ein kleines Experiment mit dir machen. Was für Bilder hast du im Kopf, wenn du hier „Stamm“, Eingeborene“ oder „Ureinwohner“ liest? Ganz sicher keine Mitteleuropäerin im Kostüm, richtig? Denn hier geht es ja weiter.

Unsere Worte rufen ganz bestimmte Bilder im Kopf hervor, die mitunter Klischees und extreme Stereotypen beinhalten. Und nicht selten entsteht eine krasse Dichotomie, die Uns gegen Die abgrenzt. In der Ethnologie gibt es denn längst überholten Begriff des „edlen Wilden“. Leider scheint es aber doch zu oft so, als würde die lokale Bevölkerung genau mit diesem Konzept vermarktet werden und nicht selten will der Reisende eben auch genau dieses Bild präsentiert bekommen. Aber die Welt ist eben global und in einem ständigen Wandel, der durch Vernetzung ensteht. Nichts ist beständig und genauso wenig sollte es auch unsere Sprache sein.

Ein kleiner Exkurs in die Ethnologie und dem Begriff der Ethnizität

Schon lange sind in der Ethnologie Begrifflichkeiten wie „Stamm“, „Traditionell“ oder „Exotisch“ überholt, diese Erkenntnisse sind aber häufig nicht über diesen Fachbereich hinausgekommen. Ein integraler Bestandteil der ethnologischen Forschung ist die Untersuchung des Zusammentreffens von unterschiedlichen Gruppen. Hierbei wurde schon früh herausgearbeitet, dass „majorities and dominant peoples are not less ‚ethnic‘ than minorities.“ sind.

In unserem alltäglichen Sprachgebrauch entsteht mit dem Begriff „ethnisch“ oder „Indigene“ ein bestimmtes Bild, welches ebenfalls bestimmte Erwartungen mit sich bringt. Ein wichtiges Konzept aus der Ethnologie ist hierbei die Ethnizität. Nach Eriksen (ein deutscher Ethnologe, 1994 verstorben) legt sie einen Fokus auf Dynamiken, die die Grenzen zwischen „Wir“ und „Denen“, zwischen „Moderne“ und „Stamm“ relativiert, denn Gruppen und Identitäten haben sich schon immer im gegenseitigen Kontakt miteinander entwickelt und nicht in der Isolation.

Ich bleibe unbequem

Aus diesem Grund möchte ich unbequem bleiben, den Finger in die Wunde legen, ständig herausgefordert werden und für einen sensibleren Umgang mit der Sprache eintreten! Bei mir wird knallhart gegendert, ob das Sternchen den Lesefluss stört oder nicht und Wörter wie „Stamm“, „Eingeborene“ oder Verallgemeinerungen haben hier nicht zu suchen. Ich weiß das ich als Ethnologin sicherlich auch nochmal anders geprägt bin, aber ich freue mich darauf, in einen Diskurs zu treten. Lasst es uns es nicht zu einfach machen und auf alten Pfaden bleiben. Gerade als Reisende haben wir den Luxus andere Wirklichkeiten kennenzulernen und so unsere eigene zu hinterfragen. Manchmal scheint es umständlicher, aber es gibt doch so viele schöne Alternativen. Warum schafft es der Reiseführer statt Afrika nicht einfach Malawi zu schreiben? Warum sprechen wir nicht von lokaler Bevölkerung statt Eingeborene? Eigentlich gar nicht so schwer, oder?

Zu guter Letzt will ich noch sagen, dass ich keinem damit zu nahetreten will. Alles ist ein Prozess, der sich entwickeln muss, genauso ein anderer Sprachgebrauch. Es gibt Wörter die hielt man lange Zeit für angemessen, ehe man darauf gestoßen wird, dass es vielleicht doch gar nicht so gut passt. Es ist eine Entwicklung, die dauert, der man sich meiner Meinung nach aber nicht verschließen sollte.

Und nun bin ich gespannt. Was ist deine Meinung zu diesem Thema? Beschäftigt es dich vielleicht genauso wie mich? Oder findest du das total unnötig?

3 Kommentare

  1. Hallo,

    ich finde Deinen Beitrag ganz und gar nicht unnötig – Vorurteile manifestieren sich in Sprache und Sprache bzw. Geschriebenes kann die Vorurteile aufweichen (ich schreibe bewusst nicht abschaffen – das wäre wohl zu optimistisch).

    Ich war in Namibia, Botswana und Südafrika und alle paar Kilometer (o.k. es waren wohl ein paar viele km – dort sind die Entfernungen ja völlig anders als bei uns) sind mir viele sehr verschiedene Menschen begegnet.
    Von den Himba zu den Kapstadt-Bewohnern bis zu den Einwohnern von Sambia waren die Menschen so spannend und unterschiedlich.
    In der Nähe von Windhoek bekam ich ein Geburtstagsständchen in der dort üblichen Klick-Laute-Sprache (ich glaube Damara?), die für meine Ohren so fremd und so faszinierend klang.
    Aber ich schweife vom Thema ab.

    Berichte wie Deine sensibilisieren für die so verschiedenen Welten und Menschen in fernen Ländern – und dafür danke ich Dir!

    Ich wünsche Dir noch viele schöne Erlebnisse auf Deinen Reisen und ich freue mich auf Deine Erzählungen darüber!

    Viele Grüße und alles Gute!
    Renate

    • lieschenradieschen

      Liebe Renate,

      über dein Kommentar habe ich mich sehr gefreut! Gerade so etwas bestärkt mich sehr in dem, was ich hier mache. Selbst wenn ich nur einen Menschen erreiche und der zu einem Umdenken bereit ist, ist das ja schon etwas tolles :)

      Ich kann deine Erfahrung nur teilen, was du bezüglich der unterschiedlichen Menschen im südlichen Afrika sagst. Und vor allem die Klick-Laute sind wirklich nicht leicht zu erlenen. Ich habe es versucht bei den Xhosa Damen in meinem Praktikum 2017 zu lernen, aber hatte keine Chance… Da muss man vermutlich reingeboren werden, um es wirklich zu lernen.

      Ganz liebe Grüße und vielen Dank für deinen Besuch
      Lynn

  2. Pingback: Jenseits von Afrika - Rezension auf Lieschenradieschen Reist

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