Es gilt einen Berg zu besteigen

„Die Berge sind nicht nur Herausforderung für mich. Sie sind auch ein Ruhepunkt. Sobald ich unterwegs bin, wird der Kopf frei. Ich gehe auf einen Gipfel, und wenn ich wieder herunterkomme, bin ich ein anderer Mensch.“ (Peter Habeler, österreichischer Bergsteiger, *1942)

Noch ist das Jahr nicht um, aber wenn man mich jetzt fragen würde, was das Krasseste war, was ich in 2015 erlebt habe, würde ich ihm antworten: “Die Besteigung des höchsten Berges Nordafrikas”.

Denn dieses Ereigni hat mich sowohl physisch wie auch psychisch an meine Grenzen gebracht. Aber alles der Reihe nach.

Gebucht hatte ich die Reise im Dezember 2014, um sie dann im August 2015 anzutreten. Ich glaube so früh habe ich noch nie etwas gebucht, aber das war meine Art um über den After Travel Blues zu kommen. Also blieb mir auch noch genug Zeit, um mich richtig vorzubereiten. Tja und wie das so ist mit dem inneren Schweinhund, kam der August plötzlich schneller als gedacht und ehe ich mich versah, war ich auch schon im Hohen Atlas in Marokko.

Es geht los

Toubkal, Abenteuer, Gadventures

Toubkal, Abenteuer, Gadventures

Die Wanderung begann in dem kleinen Dörfchen Imi Oughlad. Nach dem obligatorischen Minztee, einem kleinen Plausch mit deutschen Wanderern (überraschender Weise waren wirklich “viele” deutschsprachige Wanderer unterwegs) und einem letzten Toiletten Stop, ging es durch Berberdörfer, über den Tizi´n´Tacht Pass nach Tizi Oussem.

Unsere Gruppe bestand aus drei Amerikanern (zwei davon hießen Michael und kommen aus NY-City, haben sich aber noch nie getroffen), unserem marokkanischen Guide, 4 Maultierführern und meinem Freund und mir. Nachdem anstrengenden Tag entschieden wir uns erstmal, auf der Terrasse unseres Guesthouses zu entspannen. Dieses war, wie alle Häuser im Dorf, sehr einfach. So entschieden wir uns auch, die Nacht unter freiem Sternenhimmel zu verbringen, anstatt in den kleinen Zimmern. Zum Glück! Denn so hatten wir nun eine 1000-Sterne Unterkunft und den schönsten Mondaufgang, den ich je gesehen habe. Eingelullt vom plätschern des nahen Baches und dem Wind, schlief ich auch bald ein.

Toubkal, Abenteuer, Gadventures

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“Nur die Harten kommen in den Garten”

Der nächste Tag sollte auch schon der härteste des ganzen Trekkings sein. Frei nach dem Motto “nur die Harten kommen in den Garten”, entschieden wir uns über den 2900 Meter hohen Pass nach Aroumd, anstatt herum, zu gehen.
Immer ging es steil bergauf. Vorbei ein Maisplantagen, Ziegenherden und ihren Hütern, wechselnder Vegetation und dem einen oder anderen Orangensaftstand.

Toubkal, Abenteuer, Gadventures

Und hier bin ich wirklich an meine Grenzen gekommen. Ich habe das Ganze als unheimlich anstrengend empfunden und war dankbar über jede Pause, die wir eingelegt haben. Umso erstaunlicher ist allerdings zu was der Geist den Körper animieren kann. Obwohl ich häufig dachte, dass ich nicht mehr kann, bin ich immer weiter gegangen, um schließlich oben zu stehen. Hurra!
Allerdings konnte ich die Aussicht eher weniger genießen, sondern musste mich erstmal hinlegen…

Toubkal, Abenteuer, Gadventures

Während ich noch so vor mich hin atmetet, sah ich auf dem Bergkamm eine Silhouette stehen. Wie sich herausstellte war dies ein Hirte, der dort oben mit seiner Ziegenherde war. Erstaunlich wie mich so eine Wanderung ausknockt und wie es für andere wiederum Alltag ist.

Das es runter einfacher geht ist übrigens ein Trugschluss. Es ist unheimlich anstrengend und erfordert viel Konzentration, nicht auf dem losen Geröll auszurutschen.

Umso froher war ich dann, als wir endlich in unserer Herberge in Aroumd angekommen sind. Schnell aus den Schuhen raus und auf der Dachterrasse entspannen.
Aber natürlich wollten wir auch etwas von dem Dorf sehen, wenn wir schon mal da sind. So haben wir uns dann an dem kleinen Kiosk mit Cola und Schokoriegeln eingedeckt, haben noch schnell einen Pouf erhandelt (manche können das anscheinend auch besser als ich…)  und haben den Bach gesucht. Ich schreibe ganz bewusst gesucht, denn irgendwie hatten wir das Geschickt, ständig den Weg zum Bach zu verfehlen. Während wir im letzten Dorf mehr querfeldein gegangen sind als alles andere, sind wir diesmal anscheinend auf dem Weg für Esel und ihre Besitzer. Denn ständig sind welche hinter oder vor uns und wir müssen ihnen schnell ausweichen.

Das Base Camp ruft

Wandern macht müde, eine weitere Lektion die ich gelernt habe. Bereits gegen 9 liegen wir alle in den Betten und wachen dann morgens vom ersten Gebetsruf des Muezzins auf. Und auch wenn ich kein Wort verstehe, finde ich es angenehm beruhigend zu hören, wie die Koranverse durch das Tal wehen.

Toubkal, Abenteuer, Gadventures

Von Aroumd geht es dann ins Base Camp. Ja richtig! Es gibt tatsächlich ein Toubkal Base Camp. Klingt das nicht toll? Wie kleine Abenteurer kommen wir uns vor, während wir einen O-Saft trinken und unsere Mulis mit dem Gepäck vorbeiziehen.
Diese Wanderung ist verhältnismäßig einfach und ist wunderschön. Vorbei geht es an einem Schrein, immer weiter hoch bis man schließlich auf 3000m Höhe ankommen.

Unser Kalorienbedarf ist enorm und noch vor dem Mittagessen gönne ich mir eine kleine Packung Chips. Was mich staunen lässt ist die Tatsache, das der Deckel auf Grund des Drucks sich stark nach außen wölbt.

Basecamp ToubkalEine weitere Erfahrung die unsere Gruppe auf dieser Höhe macht ist, es schläft sich schlecht. Zwar hält mich mein Schlafsack schön warm, aber der Wind rüttelt ordentlich an den Zeltstangen. Deshalb bin ich fast froh, als gegen 6 Uhr der Wecker klingelt.

Höhenluft

Endlich geht es los! “Jalla, der Toubkal ruft!”

Ich bin als erste aus dem Zelt und habe den atemberaubenden Sternenhimmel vor mir. Unglaublich klar erscheinen die Sternbilder vor mir.

Sobald die Sonne hervorkommt, machen wir uns auf den Aufstieg. Vorbei an haus großen Steinen, Serpentine für Serpentine aufwärts. Bald sehen wir den Kamm, der zum Gipfel führt. Hinter ihm kommt endlich die Sonne hervor und es wird wärmer. Wo wir vorher noch über gefrorenes Eis gestiegen sind, bilden sich nun kleine Bäche.

Toubkal, Abenteuer, Gadventures

Die Gruppe schlägt ein ordentliches Tempo an und als wir eine andere Gruppe überholen, die deutlich vor uns los gegangen ist, entscheide ich mein eigenes Tempo einzuschlagen.

Ich will unbedingt auf diesen Gipfel, aber das schaffe ich nur so.

Gipfelglück

Nach 3 Stunden haben wir es endlich geschafft. Ich mache die letzten Meter zum Gipfelkreuz und wir liegen uns in den Amen. Vergessen sind die Strapazen, jetzt bin ich vollkommen von Glück erfüllt. Es ist einfach unglaublich, ich stehe auf dem Toubkal, dem höchsten Berg Nordafrikas! Ich war noch nie auf über 4000m und platze fast vor Stolz.

Toubkal, Abenteuer, Gadventures

Toubkal, Abenteuer, Gadventures

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Nach einigen Erinnerungsfotos geht es aber bald schon wieder runter, schließlich müssen wir nach einem kurzen Mittagessen auch noch nach Aroumed.
Am Abend werde ich nach einem 10 stündigen Wandertag ins Bett fallen und schlafen wie ein Stein. Ich denke vielleicht noch kurz an den unglaublich mühseligen Abstieg, wo mindestens jeder einmal von uns auf dem Po gelandet ist, an unseren Bergführer der noch weit über dem Base Camp steht und schon nach “Hassan” schreit, der uns Tee machen soll und ich denke an das kurze Gefühl auf dem Gipfel, einfach alles schaffen zu können.

Toubkal, Abenteuer, Gadventures

Noch weiß ich auch nicht, das ich mit dem schlimmsten Muskelkater meines Lebens aufwachen werde. Zum Glück müssen wir dieses Mal nur noch die 2 Kilometer nach Imlil machen, immer bergab, auf normalen Straßen.

Herrlich!

Toubkal, Abenteuer, Gadventures

Von unten sieht der Toubkal gar nicht mehr so hoch aus…

Begeistert haben mich vor allem wieder die Begegnungen in den einfachen Dörfern. Vor allem die Menschen haben mich begeistert. Sei es die Jungs, die uns Kaktusfeigen geschenkt haben, das kleine Mädchen mit ihrer störrischen Ziege oder der betende, alte Mann und zu guter Letzt auch meine tolle Gruppe. Das alles hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Und zusammen mit dem unbeschreiblichen Gefühl auf dem Gipfel zu stehen, ist deshalb die Tour für mich unvergesslich.

Toubkal, Abenteuer, Gadventures


Outtakes:

Zum Glück weiß unser Omar wie man ein Foto richtig gestaltet und wie die Frau dabei auszusehen hat.

Toubkal, Abenteuer, Gadventures

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10 Kommentare

  1. Danke für den schönen Bericht! Ich kann mir richtig gut vorstellen, wie so ein Muskelkater sein kann! Dabei bin ich im letzten Jahr nur ca. 1.100 Höhenmeter runter von der Rigi in der Schweiz gewandert. Das war in den nächsten Tagen noch sehr gut spürbar!
    Deine Bilder sind wie so oft richtig gut!

    Lieben Gruß
    K.

    • lieschenradieschen

      Huhu,

      danke für deine lieben Worte 🙂
      Ich finde 1.100 Höhenmeter an einem Tag auch ein ordentliches Stück!!

      Liebe Grüße,
      Lynn

  2. Respekt liebe Lynn, dass Du Dich auf den Toubkal gewagt hast. Ich war ja dieses Jahr auch schon im Atlasgebirge wandern, doch hab ich mich nachdem der Toubkal nur für sehr erfahrene und ausdauernde Wanderer ausgeschrieben war dagegen entschieden. Wobei die Atlas Valley Tour auch der Hammer war! Freu mich aber sehr für Dich, dass Du es auf den Gipfel geschafft hast! Der Muskelkater ist irgendwann wieder vergessen, was bleibt ist die tolle Erfahrung! 😉
    LG Kerstin

    • lieschenradieschen

      Hallo Kerstin,

      es war auch eine unbeschreibliche Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Allgemein Wandern im Atlas ist eine einmalige Sache und ein tolles Erlebnis.
      Wobei ich mich nicht als erfahrener und ausdauernder Wanderer beschreiben würden 😀

      Liebe Grüße und danke fürs Vorbeischauen,

      Lynn

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  4. Glückwunsch zum ersten 4000er und danke für die tolle Schilderung. Dieser Berg ist neuerdings auf meiner Bucket List auch ganz weit oben angesiedelt.
    Liebe Grüße
    Thomas

    • lieschenradieschen

      Hallo Thomas,
      danke dir! 🙂 Es ist auch eine Wahnsinns Erfahrung!

      Liebe Grüße und danke fürs Vorbeischauen,
      Lynn

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