Sisterhood – Eine Alternative zum eurozentristischen Feminismus

Eine Hand hält das Buch Sisterhood von Léonora Miano gegen eine blaue Wand.

“The danger of a single story”, davor warnte Chimamanda Ngozi Adichie in ihrem berühmten TED Talk eindrücklich (Hier… kannst du ihn dir nochmal anschauen). Nur allzu oft passiert in unserer Geschichtsschreibung genau das. Wir negieren oder ignorieren andere Stimmen, die nicht unser Weltbild passen oder sie werden systematisch ganz ausgeschlossen. Das dies auch im Feminismus passiert, ist längst kein Geheimnis mehr. Nun hat Léonora Miano mit “Sisterhood” ein spannendes Gegenwerk geschaffen, welches afrikanische Frauen in den Vordergrund rückt, die sich ihren Platz in patriarchalischen Gesellschaften erkämpft haben, gegen den Kolonialismus kämpften und dabei nicht frei von Widersprüchen sind.

Sisterhood – Für einen anderen Dialog zwischen den Frauen der Welt
Léonora Miano

Werbung, da Rezensionsexemplar

Allein Afrika konnte uns durch die Gestalt einer üppigen Frau, die ihr Schwert schwingt und auf der nackten Brust edelsten Schmuck zur Schau trägt, die Vergangenheit der menschlichen Zivilisation in Erinnerung rufen. Keine politische Theorie, kein Denksystem entfaltet so viel Kraft wie diese Darstellung. Auf unserem Kontinent waren die Frauen alles, was ein Mensch zu sein anstreben kann, Sie waren Licht oder Schatten, manchmal beides. Ohne sie gibt es schlicht und einfach keine Geschichte.

Sisterhood, Seite 111

Darum gehts in Sisterhood

In den Kapitel des Buchs “Sisterhood” stellt die Autorin Léonora Miano uns eine Vielzahl von unterschiedlichen Protagonist*innen vor, denen allen gemeinsam ist, das sie in Subsahara Afrika gelebt haben, die Geschichte in Teilen oder maßgeblich beeinflussten und mit Sicherheit in der eruopäischen Geschichtsschreibung nur wenig bis gar keine Erwähnung gefunden haben. Geschickt hält uns die Autorin jedoch den Spiegel vor den Augen und legt dar, weshalb die Auseinandersetzung mit diesen Frauen so außerordentlich wichtig ist und den eurozentristischen Feminismus aufbrechen kann.

Dabei werden die Königinnen, Kriegerinnen, Mütter und viele weitere keinesfalls auf ein goldenes Podest gehoben. Viele von ihnen lebten in einer widersprüchlichen Welt und waren selbst nicht frei von Widersprüchen. So haben manche von Ihnen sich für die Belange von Frauen eingesetzt und gleichermaßen brutal über die Männer in ihrem Volk entschieden. Andere versteckten ihr Geschlecht und strebten es an, als Mann zu leben bzw. so wahrgenommen und behandelt zu werden. Dies darzustellen, ist in “Sisterhood” gut gelungen.

“Sisterhood” hat mir viele, spannende Denkanstöße gegeben. Ich will ein Beispiel geben. Léonora Miano schreibt an einer Stelle, dass es zu denken gibt, wenn bestimmte Formen der Sklaverei als nicht kriminell eingestuft werden, weil sie kulturell sein. Umgekehrt wirft man damit Europäern vor, Dinge getan zu haben, die nicht ihrer Kultur entsprechen. Ein interessanter Gedanke, da man so die Gräueltaten der Sklaverei beinahe relativiert und sich als Europäer*in dahinter verstecken kann, dass das gar nicht unserer Kultur entsprach. Was aber, wenn die Auswüchse des Imperialismus und der Sklaverei ganz genau unserem Naturell entsprachen? Eine Tatsache, die nur schwer zu akzeptieren ist, aber sicherlich einen wichtigen Denkprozess anstößt und zur Aufarbeitung von Kolonialismus und (strukturellem) Rassismus unabdingbar ist.

Es gibt noch viele weitere solcher interessanter und (für mich) neuer Denkweißen, die sicherlich für zahlreiche Stunden der Diskussion sorgen können. Dazu muss man allerdings auch sagen, dass das Buch nicht immer leicht zu lesen ist. Ich musste eine lange Pause machen, um wieder zu “Sisterhood” zu finden und es schlussendlich aber auch nicht mehr aus der Hand legen zu können. Es gibt einfach viel zu verstehen und zu verarbeiten und dieses Buch braucht Zeit. Wenn man sich erstmal darauf einlässt, ist es eine echte Bereicherung, auch für diejenigen, die meinen, viel über Feminismus und afrikanische Geschichte zu wissen – es gibt noch so viel mehr zu lernen!

SISTERHOOD

Sisterhood – Für einen anderen Dialog zwischen den Frauen der Welt
Léonora Miano

Übersetzung durch Claudia Steinitz und Uta Rüenauver
Gebunden mit Schutzumschlag
251 Seiten | ISBN: 978-3351039936
22€ [D] über Amazon [Affiliate Link]


Disclaimer: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zum Rezensieren zur Verfügung gestellt. Dafür erstmal ein herzliches Dankeschön. Wie immer gilt aber, das Geschriebene spiegelt meine eigene Meinung wieder. Sollte mir etwas nicht gefallen, sage ich das auch. Ansonsten suche ich mir selber aus, welches Buch ich rezensieren möchte. Das heißt du wirst auf Lieschenradieschen nur authentische Leseberichte finden, die meinen eigenen Interessen entsprechen.

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