Alle, außer mir – ein bewegender Roman über den italienischen Kolonialismus bis hin zur Gegenwart

Cover des Buches Alle, außer mir von Francesca Melandri

Alle, außer mir – Rezension

Gut gesagt:

„Man sagt, wenn ein Mensch stirbt, ist es, als würde eine ganze Bibliothek in Flammen aufgehen. Ich weiß nun, dass ich nur wenige der geheimen Bücher meines Vaters gelesen habe, bevor das Feuer sie verschlang, und wahrscheinlich auch nicht die wichtigsten. Es gibt noch mehr davon, sehr viele, die ich nicht einmal in der Hand gehalten habe, deren Titel auf dem Buchrücken ich nicht gelesen habe.“

Alle, außer mir, Seite 592

Darum geht’s in Alle, außer mir:

Eine kurze, lange Zeit, so lässt sich der italienische Kolonialismus in Äthiopien wohl am ehesten beschreiben. Obwohl er häufig abgetan wird, als zu kurz, um wirklich historisch relevant zu sein, hat er nicht nur Spuren in Äthiopien hinterlassen. Geschickt verknüpft die Autorin Francesca Melandri die Familiengeschichte rund um die mit-Vierzigerin Ilaria, ihrem Vater Attilio Profeti und dem Rest der Familie, mit einer größeren historischen Rahmung und zieht so eine Linie zwischen Kolonialismus, Imperialismus und neu aufkommenden Rassismen innerhalb der italienischen Gesellschaft der heutigen Zeit.

Alle, außer mir beginnt mit einem jungen Afrikaner, der auf dem Treppenabsatz vor Ilarias Wohnung sitzt. Er stellt sich als Attilio Profeti, der gleiche Name wie ihr Vater. Auch sein Ausweis bestätigt dies. Dies ist der Anfang von Ilarias Entdeckungsreise, die zusammen mit ihrem Bruder auf den Spuren ihres Vaters wandelt. Wer war dieser Mann wirklich? Was ist seine Lebensgeschichte?

Zwar ist der Vater zu alt, um noch Antworten zu geben, aber auch so gibt es genug historische Zeugnisse. Diese ergeben ein allumfassendes Bild, welches den Kolonialismus, die beiden Weltkriege, den Faschismus und heutige Fluchtursachen verknüpft und einige unbekannte Geheimnisse ans Tageslicht bringen. Schlüsselfragen, die dabei gestellt werden, sind: was bedeutet es zufällig im „richtigen“ Land geboren zu sein, und wie entstehen Nähe und das Gefühl von Zugehörigkeit?

Gefällt weil:

Francesca Melandri einen wirklich sehr gelungenen Roman geschrieben hat, der mit einer großen Sprachgewalt daherkommt und hoffentlich ein Bewusstsein dafür schafft, wie heutige Fluchtursachen, aber auch Rassismen, mit der Vergangenheit verknüpft sind. Zwar ist Alle, außer mir reine Fiktion, dennoch kann ich mir gut vorstellen, dass sich so oder so ähnlich einige Familiengeschichten darstellen können. Besonders auch die Flucht des jungen Attilio Profeti aus Äthiopien, ist sehr eindrücklich beschrieben.

Melandri entfaltet ein Familienepos über drei Generationen, welches gleichermaßen ein schonungslos ehrliches Portrait der italienischen Gesellschaft darstellt. Damit holt sie die verdrängte italienische Kolonialgeschichte des 20. Jahrhunderts nicht nur in die Literatur, sondern auch ins Bewusste sein der Menschen. Auf Raffinierte Art und Weise verknüpft sie dabei die Verbindung Italiens nach Äthiopien und Eritrea bis hin zu gegenwärtigen, politischen Konflikten und dem Schicksal heutiger Geflüchteter.

Man merkt das die Autorin für Alle, außer mir ausführlich recherchiert hat und zahlreiche Fakten und historische Personen miteinfließen lässt. Was in einigen Rezensionen als langatmig beschrieben wurde, halte ich für genau richtig, um auf die Komplexität des Themas aufmerksam zu machen und genug Hintergrundwissen zu liefern, um die Verbindung zwischen der Vergangenheit und Gegenwart zu verstehen.

Ich muss ehrlich sagen, dass ich mir solch einen Roman auch für die deutsche Kolonialgeschichte wünschen würde. Man kann sicherlich einige parallelen zwischen den beiden Staaten ziehen. Der deutsche Kolonialismus wird häufig ebenfalls als zu kurz beschrieben, um wirklich einen Schaden angerichtet zu haben. Was so einfach nicht stimmt. Genau wie im Fall von Italien auch, handelt es sich um eine kurze, lange Zeit, die das Geschehen in den Ländern und weltweit entscheidend mitgeprägt haben.

Einen kleinen Abzug gibt es von mir für Alle, außer mir dennoch. Fremdwörter wurden zwar kursiv gedruckt, allerdings gab es keinen passenden Glossar dazu. Das hätte ich mir gewünscht. Genauso wie vielleicht einen kleinen Zeitstrahl, um die Geschehnisse einzuordnen. Melandri springt des öfteren im Roman und man muss sich sehr konzentrieren, um nicht den Faden zu verlieren. Dennoch hat mir das Buch außerordentlich gut gefallen und ich möchte es gerne jedem und jeder ans Herz legen, wenn man sich mehr mit dem Kolonialismus und wie er Spuren bis in die Gegenwart zieht, auseinandersetzen möchte.

Alle, außer mir

Alle, außer mir
Francesca Melandri
Übersetzung: Esther Hansen 
608 Seiten | Taschenbuch
ISBN: 978-3442716869
12€ (D) über Amazon [Affiliate Link]


Disclaimer: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zum Rezensieren zur Verfügung gestellt. Dafür erstmal ein herzliches Dankeschön. Wie immer gilt aber, das Geschriebene spiegelt meine eigene Meinung wieder. Sollte mir etwas nicht gefallen, sage ich das auch. Ansonsten suche ich mir selber aus, welches Buch ich rezensieren möchte. Das heißt du wirst auf Lieschenradieschen nur authentische Leseberichte finden, die meinen eigenen Interessen entsprechen.

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