Kategorie: Bücher

Die schönsten Reisebücher, von mir zusammengestellt und liebevoll rezensiert

“The more that you read, the more things you will know. The more that you learn, the more place you´ll go.”

  • Dr.Seuss

Das Glück hat seine Zeit – Gefangen in Nigerias politischem Machtstrudel

Eine Hand hält den Roman "Das Glück hat seine Zeit" von Ayọ̀bámi Adébáyọ̀ gegen eine hellblaue Wand

“Das Glück hat seine Zeit” von Ayọ̀bámi Adébáyọ̀ ist für den Booker Prize 2023 nominiert

In welche Lebensumstände wir hineingeboren werden, ist ganz entscheidend dafür, wie unser späterer Lebensweg vorgezeichnet ist. Das Wohlstand aber nicht immer glücklich machen muss und Armut eine riesige Herausforderung ist, zeigen die beiden Protagonist*innen in Ayọ̀bámi Adébáyọ̀ Roman “Das Glück hat seine Zeit”.

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Zerstreuung – Frauen im Krieg

Cover des Buches Zerstreuung von Lauri Kubuitsile

“Zerstreuung” erzählt die Geschichte von Tjipuka und Riette, die sich in britischen Betschuanaland begegnen. Beide sind auf unterschiedliche Art und Weise durch die Kriege gekennzeichnet und traumatisiert, die sie schlussendlich an den selben Ort geführt haben. Tjipuka ist die Tochter eines Herero Oberhaupts und musste vor der grauenvollen Verfolgung der deutschen Kolonialist*innen in die Wüste fliehen. Riette hingegen gerät im zweiten Burenkrieg in Gefangenschaft und wird in ein Lager gebracht. So unterschiedliche die Schicksale der zwei Frauen doch sind, eint die beiden Frauen, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben und sich so gut es geht, den widrigen Umständen entgegenstellen.

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Auf dem Nullmeridian

Eine rechte Hand hält das Buch "Auf dem Nullmeridian" von Shady Lewis gegen eine hellblaue Wand.

In seinem Roman “Auf dem Nullmeridian” erzählt Shady Lewis die Geschichte eines namenlosen Ich-Erzählers, der als koptischer Christ in Ägypten geboren wurde und nun in einer Einwanderungsbehörde in London arbeitet. Oftmals stößt er dabei an die Grenzen des Systems und kann selbst als Mensch mit eigener Einwanderungsgeschichte vielen seiner Antragssteller*inne nicht helfen. Der Autor rückt dabei klug und eindrucksvoll Entrechtete in den Mittelpunkt und verschafft ihnen die Aufmerksamkeit, die ihnen oftmals genommen wurde und sie zu der anonymen Masse unserer öffentlichen und politischen Wahrnehmung werden lässt.

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Die Abtrünnigen – Über Liebe, wo sie nicht existieren dürfte

Eine linke Hand hält den Roman Die Abtrünnigen von Abdulrazak Gurnah gegen eine hellblaue Wand.

Mit “Die Abtrünnigen” ist eine weitere deutsche Neuübersetzung des sansibarischen Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah erschienen. Wie in den meisten seiner Romanen widmet er sich auch in diesem Buch den kolonialen Verflechtungen seiner Heimat, der Gefühlswelt junger Menschen, Erzählungen mehrerer Generationen und unterschiedlichen Migrationsbewegungen. “Die Abtrünnigen” ist ein berührender Roman über Liebe, die eigentlich nicht existieren dürfte und Hoffnungen auf ein besseres Leben, die sich nicht immer erfüllen.

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Die erste Frau – Kirabos Suche nach sich selbst im Uganda der 1970er Jahre

Eine Hand hält das Buch "Die erste Frau" von Jennifer Nansubuga Makumbi gegen eine hellblaue Wand.

In “Die erste Frau” begleiten wir Kirabo auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden. Sie wächst bei ihren Großeltern im ländlichen Uganda auf, die sie während der andauernden Gewaltherrschaft von Idi Amin mit Liebe, aber auch Härte vor der Welt zu schützen versuchen. Je älter Kirabo wird, desto mehr stellt sie sich Fragen nach ihrer Herkunft, sucht nach ihren Wurzeln und emanzipiert sich gleichzeitig von ihrer Familie. Ein spannender Coming of Age Roman über Familie und Wurzeln, unterschiedlichen Feminismen und das Uganda der 1970er Jahre.

Die erste Frau

Werbung, da Rezensionsexemplar

Nattetta lag still. Diese Stille, die auf einen Sturm folgt. Als wäre die Welt noch in Ehrfurcht erstarrt. Alle waren in ihren Häusern – Männer hörten in ihren Schlafzimmern Radio, Frauen webten Matten, Kinder rösteten und kauten in Küchen Erdnüsse und Mais. Die Luft war frisch und klar. Der Staub war vom Laub entlang der Straße weggewachsen. Sie lief los, aber ihre Schuhe waren schwer.

Die erste Frau, Seite 526

Darum geht’s in Die erste Frau

Uganda in den 1970er Jahren. Idi Amin ist bereits Präsident, doch davon bekommt Kirabo, die im ländlichen Uganda aufwächst, erstmal wenig mit. Ihre Großeltern beschützen sie mit liebevoller Fürsorge, aber Kirabo hat viele Fragen, die sie nicht beantworten können oder wollen. Als junges Mädchen liebt sie das Geschichten erzählen und verlässt manchmal selbst ihren Körper, um sich ihrem Alltag und unangenehmen Situationen zu entziehen. Kirabo möchte das dies aufhört und gleichzeitig auch mehr über ihre Mutter erfahren, die sie als Baby verlassen hat. Dafür wendet sie sich an die vermeintliche Dorfhexe Nsuuta. Ihre Großeltern dürfen davon jedoch nichts mitbekommen, denn Nsuuta, ihre Großmutte Aliksia und ihren Großvater Miiro scheint etwas zu verbinden, was weit in die Jugend der drei zurückreicht.

Mit “Die erste Frau” hat Jennifer Nansubuga Makumbi einen unglaublich berührenden Roman geschaffen, der mit Stereotypen bricht und andere Perspektiven aufzeigt. Kirabo wächst in der wohlhabenden Mittelschicht Ugandas auf, in der sich Wohlstand jedoch anders ausdrückt, als in unserem westeuropäischen Verständnis. Diese Spannungsfelder stellt die Autorin sehr eindrücklich im unterschiedlichen Wohlstandsverständnis von Miiro und dessen Sohn Tom dar. Was dem Einen seine Kühe und Felder sind, sind dem anderen sein Auto und seine Wohnung in Kampala.

Dies sind jedoch nicht die einzigen Themenfelder, in denen Widersprüche ganz bewusst deutlich gemacht werden. Besonders interessant fand ich das Spiel mit unterschiedlichen Feminismen. Es wird nicht nur deutlich, dass jede Generation ein anderes Verständnis von Feminismus hat, sondern das es ganz gravierenden Unterschiede zwischen dem sogenannten globalen Norden und globalen Süden gibt. Oftmals vergisst oder lässt der weiße Feminismus bewusst andere Perspektiven aus und dies wird zurecht durch die Autorin Makumbi in “Die erste Frau” kritisiert.

All dies wird jedoch ohne erhobenen Zeigefinger getan, sondern geschickt in die Geschichte von Kirabo eingeflochten, die ihren ganz eigenen Emanzipationsprozess durch das Aufwachsen bei ihren Großeltern, kurzzeitig dem Vater, später der Tante und dann auch der eigenen, wachsenden Selbstständigkeit durch Schule und Gespräche mit anderen durchlebt. Der Schrecken, der durch das Regim Idi Amins ausgeübt wurde, taucht dabei eher am Rande und durch Andeutungen und kurze Episoden auf, und wirft so seinen bitteren Schatten um so deutlicher auf das Leben von Kirabo und ihren Liebsten.

In einer ersten Version dieser Rezension habe ich bemängelt, das mir ein Glossar fehlt. Daraufhin wurde ich auf den spannenden Mitschnitt eines Gesprächs mit Jennifer Nansubuga Makumbi hingewiesen, in dem sie erklärt, weshalb sie dagegen ist mit Glossaren zu arbeiten. Den Link zum Youtube Video findest du hier… (ab Minute 17:00 und 30:00).

Es geht ihr unter anderem darum, dass Luganda ihre Muttersprache ist und Hand in Hand mit dem Englischen geht, aber auch ganz andere Dinge auszudrücken weiß und gleichzeitig in einer Hierarchie und Konkurrenz zueinander stehen. Darüber hinaus ist Sprache wie eine Reise und das ist nicht immer einfach. Es ist unsere Aufgabe Sprache zu verstehen und zu hinterfragen. Ein interessanter Standpunkt, den die Autorin hat, und gleichzeitig damit auch einen Perspektivwechsel herbeiführt. Außerdem schreibt die Autorin mit einer ugandischen Leserschaft im Kopf, die kein Glossar benötigt.

Auf der anderen Seite fand ich die Einordnung “Sprache.Macht.Wirkung.” am Ende des Romans sehr gelungen. Während man “Die erste Frau” liest, muss man sich wenig Sorgen machen, ob die Übersetzung gedankenlos oder vielleicht sogar gewaltvoll sein könnte. Alakati Neidhardt hat mit ihrer sorgfältigen und wohlüberlegten Übersetzungsarbeit dafür gesorgt, dass ich mich beim Lesen entspannen konnte. Danke!

“Die erste Frau” ist ein äußerst gelungener Roman, der noch lange in mir nachgehallt hat. Im Vorfeld meiner Reise nach Uganda im Mai 2023 habe ich nach Literatur aus dem Land gesucht. Das war gar nicht so einfach, insbesondere in deutscher Übersetzung, und umso dankbarer bin ich darüber, dass Jennifer Nansubuga Makumbi die erste ugandische Autorin war, mit der ich in Berührung gekommen bin, das sie meine Neugierde auf dieses ostafrikanische Land weiter entfacht hat und es sicherlich nicht der letzte Roman aus und über Uganda war.

Ein spannendes Interview mit der Autorin über Feminismus, das Aufwachsen in Ugandas Mittelschicht und dem Entstehen des Romans findest du bei der taz. Sehr lesenswert.

Jennifer Nansubuga Makumbi
Die erste Frau

Übersetzung durch Alakati Neidhardt
Gebunden
532 Seiten | ISBN: 978-3982328119
26€ [D] über InterKontinental


Disclaimer: Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag zum Stöbern und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Dafür erstmal ein herzliches Dankeschön. Wie immer gilt aber, das Geschriebene spiegelt meine eigene Meinung wieder. Sollte mir etwas nicht gefallen, sage ich das auch. Ansonsten suche ich mir selber aus, welches Buch ich rezensieren möchte. Das heißt du wirst auf Lieschenradieschen reist nur authentische Leseberichte finden, die meinen eigenen Interessen entsprechen.

Die Farbe meines Blutes

Eine Hand hält das Buch Die Farbe meines Blutes" gegen eine hellblaue Wand.

“Die Farbe meines Blutes” ist ein drei Generationen umfassender Roman, in dem sich die Autorin Denene Millner der Frage nach Familie, Zugehörigkeit und Heimat stellt. Sie ist selbst als Baby adoptiert worden und kennt ihre leiblichen Eltern nicht. Diese Familiengeschichte verarbeitet sie brilliant in ihrem Debütroman, der im Mai 2023 nun auch auf Deutsch erschienen ist.

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